Ja, die Frau hat ihre Prinzipien. Lässt sich lieber die Kehle durchschneiden, als dem abgehalfterten Liebhaber in die Berge zu folgen. Betrachtet man Nadja Loschkys Heidelberger „Carmen“-Inszenierung von ihrem Ende her, hätte man ihr vielleicht etwas abgewinnen können. Der große Showdown ist Dramatik pur.
Angus Wood (Don José) und die darstellerisch mehr chargierende als wirklich überzeugende Mariselle Martínez laufen endlich zu großer Form auf. Er mit männlich-straffem Tenor, sie ohne Furcht, ihrem dunkel gefärbten Mezzo auch die brustigen, immer etwas ordinär wirkenden Töne beizumischen. Mancher dürfte das „erotisch“ finden – man kennt weniger aufdringliche Rollenporträts.
Damit wäre man auch schon bei Nadja Loschky. Die neunundzwanzigjährige Regisseurin lässt nichts unversucht, um Bizets Oper aus den Fesseln neuerer musikwissenschaftlicher Erkenntnisse zu lösen. Anstelle der Dialoge gibt es einen leicht depressiv über die Szene schlurfenden Schauspieler (Jan Schreiber), der sich mit aus unterschiedlichen literarischen Quellen gespeisten Reflexionen immer wieder in das Geschehen einmischt. Der Erkenntnisgewinn bleibt gering, zumal die trivialpsychologische Verortung der Charaktere dann doch sehr konventionell ausfällt.
Gesungen wird meist anständig, vor allem die Micaela ist bei dem jugendlich-dramatischen Sopran von Hye-Sung Na in guten Händen – aber warum trägt sie im dritten Akt eine Monstranz auf dem Kopf? Und welchen Reim soll man sich auf das aus leeren Bilderrahmen gebastelte Bühnenbild machen, welchen auf die opulente, einem Karneval der Kostüme gleichende Ausstattung der Akteure (beides von Gabriele Jaenecke)?
Unter dem im Orchestergraben kräftig wedelnden Dirigenten Dietger Holm wurde lautstark, gradeaus und gelegentlich nebeneinander her musiziert. Schade um das dennoch ausgiebig beklatschte Stück.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.theaterheidelberg.de.
„Carmen“: Im Brustton der Erotik
Die junge Regisseurin Nadja Loschky inszeniert im Heidelberger Opernzelt
HEIDELBERG.
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