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11. September 2011  | Von Albrecht Schmidt

„Aida“: Coup im Land der Pharaonen

Musical: Prächtiger Einstieg in die neue Saison: Elton Johns „Aida“ im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters

| Vergrößern | Fast schon die Idealbesetzung: Dominique Aref als Aida und Chris Murray als Radames im Staatstheater Darmstadt. Foto: Barbara Aumüller
DARMSTADT. 


„Was ist Liebe, was ist Glück“, rätselt die Statue der ägyptischen Prinzessin Amneris und verlässt, zu neuem Leben erwacht und unbehelligt von der Touristengruppe im Saal, ihren angestammten Museumsplatz in einer goldglänzenden Vitrine. Mit diesem Überraschungscoup beginnt das Musical „Aida“ mit der Musik von Elton John und den Songtexten von Tim Rice.
Die Handlung des vor zwölf Jahren entstandenen Stücks folgt im Wesentlichen dem von Verdis Oper bekannten Gang der Dinge um die verbotene Liebe zwischen dem ägyptischen Feldherrn Radames und der äthiopischen Königstochter Aida, akzentuiert aber die Vorgeschichte der Entführung Aidas stärker und führt auch neue Personen ein: den nach Ägypten verschleppten Nubier Mereb, der die Flucht Aidas zu ermöglichen versucht, sowie den Ägypter Zoser, der seinen unehelichen Sohn Radames gegen dessen Willen zum Bräutigam der Pharaonentochter Amneris machen will, um so in die Schaltzentrale der Macht vorzudringen.
Zum Auftakt der Saison hatte Elton Johns Musical im Staatstheater Darmstadt am Samstag in der packenden Inszenierung von Johannes Reitmeier eine glänzende Premiere: Thomas Dörflers Bühnen-Extravaganz mit mobilen Elementen und einer multifunktionalen, auf der Drehbühne permanent kreiselnden Treppenkonstruktion, Anthoula Papadakis’ Choreografie mit wirkungsvollen, mitreißenden Szenen des Tanztheater-Ensembles, aufwendige Kostüme (Michael D. Zimmermann) und eindrucksvolle Videoprojektionen (Karl-Heinz Christmann) von Palästen, Gräbern, Tempeln, Säulen und Wandmalereien sorgen für einen opulenten Rahmen. Die enorme Vitalität und die unverbrauchte Spielfreude aller Mitwirkenden, ihr Elan und Enthusiasmus teilen sich dem Publikum unmittelbar mit.
Die Darmstädter Inszenierung stützt sich auf die deutsche Übersetzung von Michael Kunze, wobei nicht jedes Wort zu verstehen ist. Das ist bei der bescheidenen Qualität der Texte (Aida: „Es muss mir nur gelingen, aus Verzweiflung nicht zu sterben“) auch gar nicht nötig. Es genügt, sich auf die Emotionalität der mal sanften, mal zupackenden Songs einzulassen. In harten Kontrasten folgen sie dem Libretto – ein Medley unterschiedlichster Musiknummern als faszinierender Versuch, aus den sattsam bekannten Gebrauchtteilen ein neues Vehikel zusammenzuschrauben.
Musikalisch hat dieses Musical wenig Spannendes zu bieten. Trotz wirkungsvoller Nummern gibt es kaum Höhepunkte in dieser Partitur, die bis auf das gospelartige Breitwandfinale des ersten Aktes kaum anspruchsvolle Passagen und – im Vergleich zu Andrew Lloyd Webber – keine Ohrwürmer von der Qualität etwa betörender Songs aus der amerikanischen Frühform dieses Genres enthält. Immerhin: Das Staatsorchester Darmstadt stellt sich in musicalgerechter Besetzung geschickt auf Elton John ein und musiziert unter der Leitung von Vladislav Karklin recht präzise. Dem Dirigenten gelingt es, das emotionale Potenzial der Partitur zu vermitteln.
Dominique Aref in der Titelpartie der Aida und Chris Murray als Radames kommen sängerisch und darstellerisch fast einer Idealbesetzung nahe. Randy Diamond singt sich als finsterer Bösewicht Zoser mit bissiger Intensität alle Grausamkeiten aus der schwarzen Seele. Seine Herkunft vom Ballett zeigt sich in einer spektakulären Kampfszene, wenn der Vater-Sohn-Konflikt martialisch mit Knüppeln und Kickboxen ausgetragen wird. Amneris (Sigrid Brandstetter) genießt in ihrer Glamourwelt („Schön bleiben ist ein hartes Stück Arbeit“) Schmuck und Kleider und schart neben schnuckeligen Blondies allerlei schrille Figuren um sich herum.
Dem oft manierierten Musical-Timbre der Kollegen setzt Andreas Wagner als Mereb den opernhaften Ansatz entgegen, während sich Hubert Bischof (Pharao) und Malte Godglück (Amonasro) mit Sprechrollen begnügen. Der Chor des Staatstheaters Darmstadt (Einstudierung: André Weiss) und die Statisterie sind ungemein belebende Elemente dieser farbigen, bühnenwirksamen Inszenierung. Ein insgesamt prächtiger Einstieg in die neue Saison mit einem fantasievollen, pulsierenden Erfolgsstück, das zeigt, wie gute und gefühlvolle, mit viel Spannung und Dramatik gespickte Unterhaltung funktionieren und ein Publikum in seinen Bann ziehen kann.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.

 
 
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