Gute Polit-Kabarettisten tun ihren Zuschauern auch mal weh – jüngst zu beobachten beim Auftritt der Dresdner „Herkuleskeule“ am Samstagabend in Darmstadt. „Du willst doch auch nicht auf deine Eier verzichten?“, fragte da Rainer Bursche einen jungen Mann in der ersten Reihe des gut gefüllten Halbneun-Theaters. Bursche meint die Tierprodukte, die täglich zu Lasten des Klimas tonnenweise quer durch Europa gefahren werden. Weil die meisten sie eben beim Supermarkt kaufen und nicht beim Bauern um die Ecke. Öko ist eben nur dann gut, so lange man nicht so viel dafür tun muss.
Das sind kleine, dosierte Denkanstöße in softem Sächsisch, die dem aktuellen Programm „Morgen war’s schöner“ Tiefe verleihen. Freunde des derben Wortwitzes kamen am Samstag bei Bursche und seinen Kollegen Brigitte Heinrich und Michael Rümmler ebenfalls nicht zu kurz. Zum Beispiel, wenn Bursche als Opa Neugebauer agiert, der im Alter vom „Playboy“ auf die „Apotheken-Umschau“ umgestiegen ist. „Denn die kostet nix.“ Immer wieder muss der Tattergreis lästige Vertreter an der Haustür abwehren: Doch Gesundheitsberater, die Zeugen Jehovas oder Facebook-Fans beißen sich an Opi die Zähne aus. Das sind herrliche Szenen, mit denen das Trio die Darmstädter im Handumdrehen für sich gewinnt.
Kabarettbegeisterte Heiner kennen die renommierten Dresdner ohnehin schon von früheren Auftritten im „Halbneun“ – und wissen die Keulenschwinger neben der Berliner „Distel“ und der Leipziger „Pfeffermühle“ als drittes einflussreiches Kabarett des Ostens zu verorten. Heinrich, Rümmler und Bursche – nur ein Teil des Ensembles – kommen allesamt ursprünglich vom Theater. Brigitte Heinrich bereichert seit 25 Jahren die Herkuleskeule. In Darmstadt überzeugte die Blondine auch musikalisch: Begleitet von Pianist Thomas Wand gefiel sie vor allem in Chanson-Einlagen als wunderbar entrückt Augen rollende Angela Merkel („Ich falle nicht über Männer. Ich lasse sie fallen!“).
Auf der Bühne haben die Dresdner so viel Spaß, dass es eine Freude ist. Da ist der ungewollte Witz manchmal sogar besser als der aus dem Programm. Etwa, wenn sich Michael Rümmler zum Vergnügen seiner Kollegen am Bühnenbild den Kopf anschlägt. Oder wenn einer aus dem Publikum nicht das Passende antwortet. „Sie sind doch gegen Massentierhaltung?“, fragt Bursche irgendwann einen Herrn in den Fünfzigern. Der gibt ein trockenes „Nein!“ zurück. Die Pointe wackelt, das Publikum lacht schallend. Doch Bursche gibt nicht auf. „Ich frage Sie jetzt noch mal, und dann gebe ich die Antwort selbst.“ Gutes Kabarett tut eben manchmal weh – auch dem Kabarettisten.
Sächsische Denkanstöße
Kabarett – Satire und Gesang mit der „Hekuleskeule“ im Halbneun-Theater
DARMSTADT.
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.
Merken
|













