Die Bratsche, das „Aschenputtel“ unter den Streichinstrumenten: Wie falsch dieses Klischee ist, zeigt sich bei Béla Bartóks Konzert für Viola und Orchester. Das Werk stand im Zentrum des Sinfoniekonzerts, zu dem das Musikforum Seeheim-Jugenheim ins Lufthansa-Schulungszentrum eingeladen hatte. Zu Gast war das Universitätsorchester Gießen unter der Leitung von Stefan Ottersbach. Solist war der 27 Jahre alte Bratschist Christopher Zack, mehrfacher Preisträger von „Jugend musiziert“.
Mit intensivem, wohllautendem Ton findet er zu einer fein austarierten Balance der Batókschen Klangchiffren. Mit differenzierter Rhetorik gewährt er im atmosphärisch dichten „Adagio religioso“ über den ruhigen Klangflächen des Orchesters Einblicke in düstere Bereiche. Im koloristisch tönenden Finale, wo die Bratsche zur Zigeunergeige wird, zündet Zack ein ebenso draufgängerisches wie feinsinniges Feuerwerk.
Das Orchester begleitet ihn ohne Extrovertiertheit. Stefan Ottersbach lässt stets Farbigkeit und Kontraste sowie die häufigen Wechsel in Charakter und Bewegung hören. Freilich bleibt der Orchesterklang holzschnittartig, mit harten Konturen, denen eine weichere Abrundung gut täte.
Das explosive, scharfkantig zugespitzte Spiel kommt den „Tänzen aus Galanta“ von Zoltan Kodály, Landsmann und Freund Bartoks, entgegen. Tausende von Volksliedern und -tänzen aus entlegenen Gegenden Ungarns und der Nachbarländer hatten die beiden Komponisten gesammelt, um die Musik ihrer Heimat zu erforschen. Mit viel Gespür für Emphase und Schwelgerisches übermitteln die jungen Instrumentalisten die Folklorismen: süffige Csardas-Idiome, spannungsvolle Rubati, unvermittelt einbrechende Tanzwirbel, getrieben von jagenden Synkopen, in stillen Reminiszenzen immer wieder unterbrochen von farbig ausgeleuchteten, schön gestalteten Holzbläser-Soli.
Zum Abschluss des Konzertes gab es die vierte Sinfonie e-Moll von Johannes Brahms. Der satte, kernig-füllige Orchesterklang korrespondiert in seinem Kolorit glücklich mit der ohnehin eher ungestüm-kraftvollen denn traurig-klagenden Komposition. Stefan Ottersbach bevorzugt rasche Tempi, selbst im „Andante moderato“ gibt es kaum Momente der Entspannung. Im dritten Satz lässt der Dirigent es richtig krachen – wie mit Peitschenhieben wird die Virtuosität auf die Spitze getrieben. Insgesamt eine Interpretation auf hohem Niveau.
Wie Peitschenhiebe
Sinfoniekonzert – Ein feuriges Vergnügen: Bartók, Kodály und Brahms in Seeheim
SEEHEIM.
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