Mit Charme und Witz unterhielt der 83 Jahre alte Pianist und Sänger das Publikum im ausverkauften Keller. Mit seinem Trio und Sängerin Gaby Goldberg bot er zeitlos schöne Klassiker des Jazz. Seine eigenen Kompositionen fügten sich nahtlos in die Standards von George Gershwin, Charlie Parker und anderen Größen.
Das kann was werden. Dass Paul Kuhn nicht mehr der Jüngste ist, wusste man ja. Aber als der 83 Jahre alte Veteran der deutschen Unterhaltungsmusik vor Konzertbeginn im bruchsteinernen Gewölbekeller des Jazzinstituts durch den schmalen Gang zwischen den dicht besetzten Stuhlreihen wackelt, ein kleiner Mann mit müden Augen, etwas desorientiert seinen beiden Begleitern Richtung Bühne folgend, leidet man schon ein wenig mit. Völlig unnötigerweise, wie sich zeigt.
Denn sobald der Mann am Klavier sitzt, gewinnt er urplötzlich an Statur und Charme – „wenn Sie wüssten, wie ich heute Abend hierher gekommen bin ...” Es folgt eine klassische Taxifahrer-Anekdote voller Irrungen und Missverständnisse, Kuhn zeigt grinsend seine charakteristische Zahnlücke, Gelächter im Saal, alle Sorge ist verflogen. Kuhns Trio schenkt den Darmstädtern einen munter swingenden und bewegenden Freitagabend. Etwas Einmaliges. So soll’s sein im Jazz, findet Kuhn.
Am Nachmittag hatte er eine halbe Stunde Zeit zum Gespräch in der Hotelbar gehabt. Hatte noch einmal in lakonischem Tonfall erzählt, wie er nach seiner langen Schlagerkarriere im Alter zum Jazz gefunden hatte. „Vielleicht mache ich deswegen diese Musik, weil es diese Freiheit gibt im Jazz”, glaubt er rückblickend. Und weil diese Musik bis heute von der Besonderheit des Moments lebe.
Erst neulich sei er im Studio gewesen, eine Session mit zwei US-Musikern in Los Angeles, bei Tonmeister-Legende Al Schmitt. „Wir haben nix geprobt, nur kurz das Arrangement und den Schluss besprochen” – dann musste es sitzen. Wie die US-Profis lässt auch Kuhn keine nachträglichen „Reparaturen” gelten, keine Overdubs oder digitale Korrekturen, wie sie nicht nur im Pop längst üblich sind. Da ist der locker wirkende Plauderer ganz konservativ. Auch das Tempo, das viele Musiker der jüngeren Generation anschlagen, behagt ihm gar nicht. „Die guten Jazzer haben immer laid back gespielt, heute gehen viele so schnell an die Stücke ran, das find’ ich nicht gut”, sagt er. „Auch bei schnellen Titeln ist doch Ruhe angesagt, das muss sein.” Das bekommt das Publikum am Abend aufs Angenehmste zu spüren.
Gefühlvoll gleitet das Trio durch ein herrliches Set von Jazz- Standards, fast drei Stunden lang. Swing, Bebop, Jazz-Walzer und Balladen wechseln einander unterhaltsam ab. Und alles schön laid back. Kuhn hat sich dafür die passenden Begleiter ausgesucht. Martin Gjakonowski leiht allen Nummern mit präzisen, tonschön modellierten Basslinien sowohl Halt als auch tanzbaren Schwung. Willy Ketzer rührt so sachte mit seinen Besen, wie es eben geht, um den Rest im kleinen Keller nicht zu übertönen, lässt im richtigen Moment auch mal die Zügel schießen, um effektiv dosierte Soli hinzulegen.
Sängerin Gaby Goldberg bringt bei einigen Nummern ihre schöne Jazz-Altstimme als Klangfarbe dazu, singt und swingt englisch, portugiesisch und mit samtweichem Klang. Und dann ist da Paul Kuhn.
Wie ihm das Pianospielen Leben einhaucht, ist förmlich zu spüren. Sicher finden seine Hände die scharf akzentuierten Akkorde in Charlie Parkers Bebop-Nummer „Scrapple From the Apple” („also: Appelkrotze”, übersetzt der gebürtige Wiesbadener). Herrlich entspannt und zugleich intensiv klingt seine neu arrangierte Version des US-Klassikers „Dinah” („ein etwas jüngerer Titel ... der ist von ... 1944, glaub’ ich”).
Ergreifende Momente, wenn der große kleine Mann, der mit seinem Witz und seiner Weisheit dem Jedimeister Yoda immer ähnlicher wird, mit leicht brüchigem Sprechgesang Liebeslieder singt. Die Lippen dicht am Mikrofon singt er zärtlich „When I give my heart / I will give my heart completely”. Der alte Chet Baker ist da nicht weit entfernt.
Das sind so die besonderen Momente, um die es Paul Kuhn, um die es im Jazz geht. Von denen man hofft, sie noch einmal erleben zu dürfen – und doch weiß, dass es ganz anders wird beim nächsten Mal.
Aber zu sentimental gerät dieser Abend (am Samstag spielte er gleich noch mal und zwar ein ganz anderes Set) dann doch nicht. Im Gespräch mit Wolfram Knauer, Chef des Instituts, erzählt Kuhn listig, wo er in den letzten Kriegsjahren den Jazz entdeckt hatte: „unter der Bettdecke, bei den Feindsendern wie der BBC”. Er gibt praktische Tipps zur Klangverbesserung beim hauseigenen Flügel, „da muss man mal die Dämpfung ein bisschen höher legen, ist gar nicht viel dran zu machen”.
Mit Leidensmiene beschrieb er, wie er in der Nachkriegszeit notgedrungen den „Mann am Klavier” singen musste, „dieser blöde Text”, und wie er dann das Image des bierseligen Schein-Berliners immer und immer weiterspielen musste. Eins versprach er Knauer wie dem Publikum: „Ich würde nie mehr in einer Schlagersendung auftreten, mit Hansi Hinterseer und so ... das muss nicht sein.”
Knauer fand schließlich passende Worte, um Kuhns Charme der späten Jahre zu beschreiben: „Eine Musik, die nicht nur in die Ohren geht, sondern auch in die Herzen.”
Wenn Meister Yoda swingt
Jazz – : Bewegende Momente mit Paul Kuhn: Der Veteran der deutschen Unterhaltungsmusik begeistert in Darmstadt
DARMSTADT.
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