Der von der Frankfurter Sparkasse über ihre 1822-Stiftung in Kooperation mit der Jungen Deutschen Philharmonie seit 1998 gestaltete musikalische Jahresbeginn findet stets eine starke Resonanz. Das mag daran liegen, dass die innovativen Konzertprogramme sich bewusst von der Häppchenkultur der gängigen Leichte-Muse-Neujahrskonzerte abheben. Zudem begegnet man mit der Jungen Deutschen Philharmonie unter der Leitung von Ilan Volkov einem Elite-Orchester mit Musikstudenten, deren Begeisterungsfähigkeit wohltuend von der Routine mancher Orchester absticht.
So geraten die beiden im Zentrum stehenden Werke mit Neuer Musik zu fulminanten Interpretationen mit einem Klangbild, das so manchem Berufsmusiker vor Erstaunen die sinfonische Sprache verschlüge. Solist im Konzertstück „Ad Absurdum“ für Trompete und kleines Orchester war der Trompeter Sergei Nakariakov, der auch 2006 bei der Uraufführung spielte. Der Solopart ist vom ersten bis zum letzten Ton in einer derart virtuosen Weise konzipiert, dass die Gattung des Virtuosenkonzertes – wie im Titel der Komposition festgeschrieben – „ad absurdum“ geführt wird: Sergei Nakariakov schmettert Tonrepetitionen sowie auf- und abwärts stiebende Tonskalen in schnellster Abfolge und liefert sich Gefechte mit den knalligen Pizzikati und den stürmischen Tonkaskaden der etwa zwanzig Streicher. Sein Bemühen, mit langen Tönen die Reißleine zu ziehen und das aberwitzige Wettrennen anzuhalten, scheitert. Denn die unerbittliche Motorik geht im Orchester weiter.
Gleichermaßen grandios: Bernd Alois Zimmermanns „Musique pour les Soupers du Roi Ubu“, sieben sprachwitzig betitelte Ballettnummern aus dem Jahr 1966, instrumentiert für Bläser, Schlagwerk, Kontrabässe, Gitarren, Mandoline, Klavier, Harfe und Orgel. Zimmermanns Komposition bezieht sich auf das Theaterstück „Ubu Roi“ des französischen Schriftstellers Alfred Jarry, das seit seiner Skandal-Uraufführung 1896 in Paris als Paradebeispiel für absurdes Theater gilt. König Ubu ist die Inkarnation eines tölpelhaften und derben Spießers, der sich mit Gewalt und ohne Rücksicht auf Verluste an die Macht putscht. Zimmermanns Musik ist durchsetzt von Komponisten-Zitaten: Zu Beginn dröhnt, Unheil verkündend, das Dies-Irae-Motiv aus den Orgelpfeifen, bevor Tristan, Eulenspiegel, Pulcinella und Radetzky durcheinander purzeln.
Ilan Volkov am Dirigentenpult sorgt gleichermaßen für humoriges Fabulieren wie für plärrenden Marktschreierton, Skurrilitäten und subtiles Klangraffinement.
Für verbindende Texte zwischen den Musiknummern sorgte der Kabarettist, Komponist und Buchautor Konrad Beikircher. Anstelle der von Zimmermann vorgeschlagenen Fahrrad-Benutzung als Auftritts-Gag flitzt Beikircher auf einem Roller-Scooter auf die Bühne, stellt das „Amt für Deppenförderung“ vor, erzählt kuriose, schlitzohrige Geschichten und flüchtet sich am Ende, bei der Ankündigung des „Marsches der Enthirnung“, ins makaber-surrealistische Gestammel dadaistischer Poesie.
Da werden die umrahmenden Orchesterwerke, die Ilan Volkov und die Philharmonie voller packender Energie, mit dramatisch zugespitzter Hochspannung und herrlich leuchtender Klangopulenz gestalten, fast zur Nebensache: Die Ouvertüre „Römischer Karneval“ von Hector Berlioz, „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss und Maurice Ravels „La Valse“. Begeisterter Applaus.
Virtuosen mit Schalk im Nacken
Konzert – Die Elitestudenten der Jungen Deutschen Philharmonie überzeugen in Frankfurt beim Neujahrskonzert
FRANKFURT.
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