Daniel Barenboim sieht ziemlich zufrieden aus. Dabei ist er mit der Orchesterfassung von Verdis Streichquartett in e-Moll erst auf dem halben Weg. Der zweite Satz ist verklungen, man hat gestaunt, wie der Klang in dem großen Ensemble samtig eingehüllt, aber nicht angedickt wurde. In der originalen Besetzung mag das einzige Kammermusikwerk des Opernkomponisten zwar plausibler erscheinen, aber es entwickelt in dieser Bearbeitung einen ganz eigenen Charakter, der in Barenboims Interpretation aufscheint, wenn aus dem flächigen Klang melodische Kanten herausmodelliert werden. Für einen Augenblick lehnt der Dirigent sich zurück und schaut seine Musiker mit Genugtuung an, bevor er sich in das Prestissimo des dritten Satzes stürzt.
Er hat allen Grund dazu, die Arbeit mit der Philharmonie der Mailänder Scala als hoffnungsvollen Ausblick zu empfinden. Seit Dezember ist Barenboim, der in diesem Jahr 70 wird, Musikdirektor des Hauses, aus dessen Opernorchester sich auch die „Filarmonica della Scala Milano“ rekrutiert. Es ist ein weiteres Amt des vielbeschäftigten Mannes, der ja auch noch Generalmusikdirektor an der Berliner Staatsoper Unter den Linden ist und auch seine politisch-kulturelle Mission in Israel und Palästina nicht aus den Augen verliert. Die Arbeit mit den Mailändern dürfte zu den angenehmsten Seiten dieses Lebens gehören. Diesen Eindruck jedenfalls vermittelten Dirigent und Orchester beim Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt. Man versteht sich ohne große Gesten, in Rossinis „Semiramis“-Ouvertüre tritt der Dirigent manchmal einen Schritt zurück, als wäre er selbst sein erster Zuhörer. Dann lässt er den Taktstock sinken und lauscht staunend, wie präzise das musikalische Uhrwerk funktioniert. Mit einem Schlag aber ist die Körperspannung wieder da, mit der er sich einklinkt ins musikalische Geschehen, aus dem er delikate Klangdetails herauskitzelt.
Auch in Debussys sinfonischen Skizzen „La Mer“ lässt er das Orchester glänzen, etwa die prachtvolle Bläsergruppe, die bei aller Brillanz in den Gesamtklang eingebunden bleibt. Barenboim dirigiert, wie den gesamten Abend, auswendig. Seine zielstrebig verfolgte Strategie bedarf der Partitur nicht: Abseits orchestraler Pracht und über das Programm hinaus, das in den Satzbezeichnungen von Morgen und Mittag, Wind und Wellen erzählt, gelingt es ihm, dem Stück eine autonome musikalische Dramaturgie abzuringen, die über den Kontrast zwischen intimen Stimmungsstudien und opulentem Breitwandgemälde hinausgeht.
Sein Mittel dabei ist die subtile Klangregie, die sich auch in Mozarts Klavierkonzert KV 537, dem „Krönungskonzert“ bewährt. Dem Orchester gelingen bemerkenswert feine Abschattierungen, die im Dienst eines fein abgestimmten Zusammenspiels stehen. Barenboim als dirigierender Solist ist in den geläufigen Passagen weniger um perlende Artikulationsschärfe bemüht als um die klangliche Verschmelzung, die vom Ton zur farbig schimmernden Linie führt. Er ist kein Genauigkeitsfanatiker, aber präzise im Ausleuchten musikalischer Situationen. Selbst der Finalsatz gelingt eher nach innen gewendet als virtuos auftrumpfend, und wenn Barenboim den letzten Auftritt des Rondo-Themas gleichsam aus dem Pianissimo-Nichts hervorzaubert, ist alle virtuose Beiläufigkeit verschwunden.
Als Zugabe für das begeisterte Publikum im ausverkauften Haus spielt er den Mittelsatz aus Mozarts C-Dur-Sonate KV 545 und erreicht Momente höchster Diskretion, die jeden staunen lassen müssen, der dieses Stück als Kleinigkeit für Klavierschüler abtut.
Gelassenheit und Tiefe, das lehrt Barenboim mit dieser Miniatur, können gut Hand in Hand gehen.
Sein erster Zuhörer
Sinfoniekonzert – Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim gastiert mit Musikern der Mailänder Scala in Frankfurt
FRANKFURT.
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