Mit gemessenen, wuchtigen Tönen stapft ein Burschenquartett durch einen Landler – behäbig, breitbeinig, wie mit Bettschwere auf dem Heimweg vom Schützenfest. Dabei ist die Band voll elektrifiziert, klingt aber dennoch, wann immer sie will, nach originärer alpenländischer Volksmusik. Die Bassgitarre verstärkt die überbetonten Kellerbässe der Ziehharmonika abgrundtief und mächtig, dass es sich wie ein Alphorn anhört, die E-Gitarre zirpt wie eine Zither, das Schlagzeug-Getöse könnte von der Trommlergruppe einer Marschkapelle stammen.
Den Gesang kann das Publikum aus dem Rhein-Main-Gebiet eigentlich nur verstehen, wenn man sich „eingelesen“ hat, wie der Sänger nach dem Begrüßungsstück kommentiert – klar, seine Fans kennen jeden seiner mitunter kantigen ober-österreichischen Zungenschläge auswendig.
Am 28. Juli gastiert Hubert von Goisern unter dem Zeltdach des Amphitheaters in Hanau.
So liebt man den Achleitner Hubert, der sich – seinem Heimatort Bad Goisern zu Ehren – von Goisern nennt, und dabei in Kauf nimmt, dass man das als Anmaßung eines Adelstitels missverstehen könnte. Missverständnisse verfolgen ihn ohnehin, erklärt der glänzende Entertainer verschmitzt: Wenn er etwa – frei nach Ray Charles – „Georgia On My Mind“ um-zwoagelt zu „Goisern – oh Goisern“ , so singe er keineswegs sich selbst ein Ständchen, wie eine Briefschreiberin ihm unterstellt habe. Andere Menschen hätten ihn der Eitelkeit bezichtigt, weil er bei Auftritten auf verschiedenen Akkordeons spiele – mal ein rotes, mal ein weißes.
Darum habe er das grüne diesmal gar nicht erst ausgepackt, spöttelt er – und erklärt, dass er eben nicht ein (chromatisches, also mehr-tonartfähiges) Akkordeon spiele, sondern diatonische Ziehharmonika, und dass es mit diesem für unterschiedliche Tonarten eben unterschiedliche Instrumente brauche. Ohne Zweifel gibt er auch gerne den Multi-Instrumentalisten, liefert Soli auf Lap-Steel und Gitarre – obwohl er einen vorzüglichen Leadgitarristen dabei hat, der es mit jedem Folk- und Hardrocker aufnehmen kann, dazu Mundharmonika, Maultrommel und Glockenspiel, Klarinette und Keyboard. Zu jedem Instrument hat er eine Anekdote parat, und er vertritt damit auch eine jeweils passende Stilart zwischen Blues und Folk, Rock und Reggae. Und eine spezielle Stimmung: Das geht von Bitterkeit und Melancholie über verlorene Zeit und verlorene Liebe („Du bist so weit, weit weg von mir“) bis hin zu krachledernem Galgenhumor. Der klingt stets tief menschlich („ob Serb oder Kroat, um an jödn is’ schod…“). Auch Huberts Oratorien darf, ja muss man ernst nehmen, selbst wenn er seine deutsche Version von „Mercedes Benz“ weit über die Janis-Joplin-Vorlage hinaus an den Rand der Blasphemie bringt, nach „an schienen Daimler“ auch das Ewige Leben und dazu noch einen Heiligenschein erbettelt: „Herr, Di kost’ er doch eh nix“.
Mit ohrenbetäubenden Lärmattacken und zuckenden Stroboskopgewittern inszeniert die Band das Granteln des Himmlischen Vaters. Und Hubert wird gleich wieder todernst, sinniert über das Verrinnen der Zeit und den tieferen Sinn des Lebens.Damit nun, so spielt er auf den strengen Frost in Hessen an, keiner nach dem Konzert ein Tränen-Glatteis vor der Hall’n anrichte, lässt die vorzüglich eingespielte Band im finalen Konzertdrittel wieder den Alpen-Rock auf furiose Weise krachen. Schottische und Landler jagen einander, Mehrstimmen-Jodler und minutenlang aberwitzig schnell dahinflirrende Gitarrenläufe wechseln ab.
Zu einer letzten Zugabe versammeln sich die vier Oberösterreicher zu einem mehrstimmigen Jodel-Hymnus – wie das ganze Konzert in perfekter Harmonie, mit viel Wärme und einem gewaltigen Schuss sympathischer Selbstironie.

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