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15. Dezember 2009 Von Stefan Benz

Rammstein-Konzert: Das Böse muss brennen

Rock: Die Band Rammstein inszeniert in der Frankfurter Festhalle ihr Musiktheater der Grausamkeit

| Vergrößern | Sie fackeln nicht lange: Rammstein-Sänger Till Lindemann trägt beim infernalischen Auftritt in Frankfurt zur Ledermontur eines SM-Einpeitschers das Haarnetz eines Großmütterchens. Foto: Jochen Melchior
FRANKFURT. 


Der finstere Herr Lindemann grüßt nicht, als er in der Frankfurter Festhalle vor seine Verehrer tritt. Er stampft auf den Boden, schüttelt den Kopf wie beim Tobsuchtsanfall, reißt sich selbst am Schopf, beugt den Rumpf wie unter Magenkrämpfen und hämmert immer wieder mit der Faust auf den Oberschenkel. Dazu raunt er Bekenntnisse wie: ,,Ich tu' dir weh, tut mir nicht leid". Das wird gern missverstanden: Der Mann dort vorne muss ein Sadist sein. Bisweilen ist der finstere Herr Lindemann auch Menschenfresser und Massenverführer, Pyromane und Kinderschänder. Das kommt davon, wenn man nicht ,,Guten Tag" sagt, bevor man loslegt.
In Josef Fritzls Inzestkeller explodieren BabypuppenDoch welcher Shakespeare-Schauspieler sagt schon: ,,Schönen guten Abend, wundern Sie sich nicht über mich, ich spiele jetzt Richard III. Das ist ein adliger Serienkiller." Also sagt Till Lindemann auch nicht: ,,Gestatten, ich spiel' jetzt den Inzestverbrecher Josef Fritzl aus Wien." Stattdessen singt er ,,Wiener Blut" und lässt dazu Babypuppen explodierend über der Bühne abregnen. Was im Staatstheater üblich ist, wird auf der Rockbühne zum Skandal: Till Lindemann macht Grand Guignol nach Noten, spielt Wahnsinn und Perversion im Grotesktheater, was der Band Rammstein gern ausgelegt wird als Anstiftung zu all jenen Untaten, die sie besingen.

Jetzt sind sie mit ihrem sehr erfolgreich verkauften Album ,,Liebe ist für alle da" denn auch auf dem Index gelandet, was einerseits das Geschäft schädigt, andererseits ein Prädikat ist: ,,Jugendgefährdend" lässt sich für Berufsprovokateure vermarkten wie ein ,,besonders wertvoll" für Filmkunstregisseure. Die deutschen Hallenkonzerte waren schnell ausverkauft, und so ist auch die Frankfurter Festhalle an jenem Freitag Abend voll, als sich die Herren von Rammstein mit Äxten und Schneidbrennern durch die Rückwand arbeiten: Ausbruch aus dem Studio auf die Bühne und Einbruch des Bösen in die Welt.

Till Lindemann trägt Metzgerschürze zum irren Blick, der ihn vor hundert Jahren, als das Kino noch ein derbes Jahrmarktsvergnügen war, zum Stummfilmstar gemacht hätte. Wenn er den Mund aufsperrt, leuchtet sein Schlund, von einer Lampe illuminiert. Lindemann kann nicht schauspielern und er kann auch nicht singen, doch er tut beides mit überzeugender Hingabe an die Rolle: Rezitation mit schwerer Zunge und schwerem Schritt. Rammstein bedeckt mit klobigen Akkorden eine Dichtkunst voll düster-romantischem Sentiment und ätzendem Zynismus.

Das neue Album, das jetzt in einer entschärften Version wieder offen feilgeboten werden darf, liefert dafür im Original Sentenzen über Lust (,,Steck' Bratwurst in dein Sauerkraut") und Qual (,,Stacheldraht im Harnkanal"), die hart gesottene Lyrikfans stolz auf der T-Shirt-Brust tragen. Till Lindemann exerziert das mit grimmiger Ironie vor. Wenn er Frankfurter Würstchen in die Menge wirft, ist das keine Armenspeisung, sondern Sexualsymbolik mit unsittlichem Nährwert. Und als er ,,Pussy", den deutsch-englischen Brunftgesang aus dem Schlagwörterbuch des Potenzfantasten, ausgegurgelt hat, schleudert er mit dicker Kanone Schaumejakulat über die Menge an der Rampe und schickt Konfetti hinterher. Parodie und Party fallen da orgiastisch ineinander, bis man Ernst und Satire, Rolle und Realität nicht mehr trennen kann. Für einige Kritiker der Band ist das völlig unerträglich. Dabei ist es gerade der Verzicht aufs Bekenntnis, der das Rammstein-Sextett als Lyrikzirkel und Laienspielgruppe so reizvoll macht.

Als Band jedoch sind sie vor allem Getriebene des dumpfen Beats und der flammenden Show. Der Sound wird in Teilen der Halle zu Brei, und die Inszenierung geht in Flammen auf. Die Gasfackeln scheinen bisweilen wichtiger als die Gitarren, die sich auch gut durch Kreissägen ersetzen ließen. Der massige Till Lindemann steht mal mit brennenden Engelsflügeln da, dann fährt er zum indizierten SM-Song ,,Ich tu' dir weh" auf einem zylindrischen Podest hoch über eine Badewanne empor, in der Christian Lorenz, der spillerige Keyboarder, mal wieder das Opfer vom Dienst geben muss. Funken regnen in die Wanne, wo im Originalsong Salz und Eiter schwimmen, doch am Ende ersteht Lorenz im Glitzerkostüm wieder auf, um schließlich auf Schlauchbootfahrt über den Köpfen der Fans durch die Halle zu gehen. So kennt man die Shows längst, und das ist wohl nicht mehr effektvoll zu steigern.

Die größte Provokation an diesem Abend wäre Ruhe. Doch kaum schweigen die E-Gitarren, erklingen nicht elektronisch verstärkte Saiten, will Lindemann die Ballade ,,Frühling in Paris" als Chansongruß an Edith Piaf singen, klatscht die Halle im Takt. Die Zuschauer machen Druck, wollen Rammrock. Da müsste man mal ganz brutal leise sein. Doch das bringt die Band nicht übers Herz. Derart gnadenlos, dass sie ihre Schrecken in Stille ausbreiten, sind diese Musiker eben doch nicht. In diesem Musiktheater der Grausamkeit ist der vermeintlich so harte Stahlwerkersound also eigentlich ein Zeichen der Milde. Über das Grauen, das Till Lindemann verkörpert, legt die Band gnädig den Mantel des Lärms.


 
 


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