DARMSTADT.
Sind die Zeiten lyrisch-melancholischer Poesie in der Musik für ihn Vergangenheit? Allein der Titel ,,Heavy" seines ersten Soloalbums könnte vermuten lassen, dass Jochen Distelmeyer in Zukunft härtere musikalische Genres bedienen will. ,,Wohin mit dem Hass?", eröffnet er am Donnerstag das Konzert mit einer vorwärts treibenden Nummer, die eine Entwicklung in Richtung ,,Queens of the stone age" vermuten lassen könnte. Es folgen zunächst kurze, druckvolle Songs, die eine Rock-Atmosphäre bestärken. Seine Musik wirkt frisch und gradliniger als zu Zeiten seiner 2007 aufgelösten Band ,,Blumfeld", die mit ihren letzten Werken, ,,Jenseits von Jedem" und ,,Verbotene Früchte" ,zunehmend Ratlosigkeit in der Fangemeinde hinterlassen haben.Distelmeyer nutzt die Etablierung als Solokünstler, um sich musikalisch neu zu positionieren, ohne seine Vergangenheit als Frontmann einer erfolgreichen Hamburger Independentformation völlig abzustreifen. Immer wieder lässt er Blumfeldlieder einfließen, die mit ihrem vornehmlich akustischen Gitarrenklang eine abwechslungsreiche Stimmung erzeugen. Von kontrastreichen Erwägungen in der Musik einmal abgesehen, ist es für Distelmeyer eine Notwendigkeit, älteres Material einfließen zu lassen. Dass sein neuestes Album keinen Abend allein tragen kann, wird ihm wohl bewusst sein.Wirklich greifbar ist der hagere, charismatische Mann nicht. Manchmal jedoch scheint er von einer unsichtbaren Macht gehetzt zu werden. Seine Bekundungen ans Publikum wirken trotz ausdrücklicher Wertschätzung nur sehr beiläufig. Attitüden wie die am Steg der Gitarre eingeklemmte qualmende Zigarette evozieren die Aura einer Lebensführung, die auf Selbstzerstörung gerichtet ist.In diesem Fahrwasser bewegt sich auch seine zweite Singleauskopplung ,,Regen", die, als Zugabe gespielt, eine intime Seite seines Schaffens anreißt. Der Klang ist auf minimale Gestaltungsmittel reduziert. Einzig seine sonore Stimme wird von einer akustischen Gitarre begleitet. ,,Ich geh' durch die Straßen ohne Geld und ohne Gott" sind Textzeilen einer zerrütteten Existenz, die einzig Halt in der Liebe finden können. Seine Musik ist keine Abkehr von beschrittenen Wegen, sondern hinterlässt einen zugänglicheren Eindruck, der vom Publikum mit viel Applaus honoriert wird.
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