DARMSTADT.
,,Warum zieht der Komponist Christoph Graupner ausgerechnet in so ein Kaff?" fragte Peter Engels, der Leiter des Stadtarchivs Darmstadt. Er eröffnete das Symposium zu Ehren des Darmstädter Hofkapellmeisters Christoph Graupner (1683-1760) mit einem Überblick zur Geschichte der Darmstädter Residenz im 17. und 18. Jahrhundert. Mit ,,Kaff" meinte er die ehemalige hessische Residenzstadt Darmstadt, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts gerade mal knapp 2000 Einwohner zählte und weit von dem Rang einer kulturellen Metropole entfernt war.Der junge Graupner hingegen erhielt seine musikalische Ausbildung beim renommierten Leipziger Thomaskantor Johann Kuhnau und feierte erste Erfolge an der Hamburger Gänsemarktoper. Zu seinen Freunden und Bekannten zählten Autoritäten des Fachs wie Telemann, Mattheson oder Fasch. Der gleichermaßen reise- und kulturbegeisterte Landgraf Ernst Ludwig war von Graupners Bühnenwerken begeistert und verpflichtete ihn für seine Residenz. Bereits 1711 ernannte er ihn zu seinem Hofkapellmeister.Vollmundig angekündigte Bauvorhaben wie eine dauerhaft in Darmstadt vorhandene Opernbühne scheiterten an der desolaten Wirtschaftslage. So musste sich Graupner auf die Komposition von kammermusikalischen, sinfonischen und geistlichen Werken konzentrieren.Sein Bestreben, eine aussichtsreichere Stelle anzutreten und die Nachfolge seines Lehrmeisters Kuhnau anzunehmen, wurde vom Landgrafen per Veto verhindert. Graupner führte ein weitestgehend beschauliches Leben in der Provinz, das allerdings von Stagnation geprägt war.Der unspektakuläre Lebensweg des Komponisten Graupner ist für die Nachwelt freilich ein einzigartiger Glücksfall. Sein kompositorischer Nachlass ist nahezu vollständig überliefert und zwar in der Darmstädter Universitäts- und Landesbibliothek direkt an der Stelle seines Wirkens aufbewahrt.Seit der Gründung der Christoph-Graupner-Gesellschaft am 5. Februar 2003 wird die Erschließung seines OEuvres systematisch vorangetrieben. ,,Unser Planziel für das Jahr 2010 ist es, etwa 80 Prozent der Handschriften zu digitalisieren und somit einer weltweiten Öffentlichkeit zur Verfügung zustellen" berichtete Silvia Uhlemann, Leiterin der Fachbibliothek Musikwissenschaft und somit auch Hüterin der Werke Graupners. Ein ehrgeiziges Ziel, wenn man bedenkt, dass allein 1423 geistliche Kantaten einzuscannen sind.Ihr Beitrag für ,,Graupner 2010" war unter anderem eine Ausstellung in der Musikbibliothek, die Samstagnachmittag eröffnet wurde. Originale aus der Hand Graupners sowie Noten und Dokumente seiner Zeitgenossen können bis zum 20. Juni besichtigt werden. Der digitale Vorstoß werde hoffentlich eine völlig neue Generation von Interpreten und Forschern dazu motivieren, seine Musik in ihr Repertoire aufzunehmen oder sie wissenschaftlich zu erschließen, hofft Uhlemann.Besonders am Eröffnungstag im Karolinensaal des Stadtarchivs erfreuten sich die Graupnertage einer großen Zuschauerresonanz. ,,Graupner ist bei der jungen Generation angekommen" berichtete Ursula Kramer, die als Erste Vorsitzende der Graupner Gesellschaft die Moderation des dreitägigen Symposiums übernommen hatte. Sie gab allerdings auch zu bedenken, dass die Initiativen der Graupner-Gesellschaft erst ihren Zweck erfüllen würden, wenn über das Gedenkjahr 2010 hinaus Impulse gegeben werden können. Eine dauerhafte Etablierung des barocken Komponisten in der Öffentlichkeit sei nur möglich, wenn seine Musik gespielt werde.Die Festtage waren dementsprechend nicht nur als wissenschaftlicher Austausch konzipiert, sondern mit Konzerten in der Orangerie verbunden. Für den Auftritt der kanadischen Cembalistin Geneviève Soly wurde dem Darmstädter Musiker ein mächtiger Verbündeter an die Seite gestellt: Der ungleich berühmtere Georg Friedrich Händel war Weggefährte Graupners in Hamburg. Soly stellte Werke beider zu einem musikalischen Dialog zusammen. Die beiden gebürtigen Sachsen lieferten sich, vermittelt von Soly, einen virtuosen Schlagabtausch.Ein wirklicher Sieger war dabei nur schwer auszumachen. Die Sonaten und Partiten waren von Anspruch und thematischer Vielfalt auf gleicher Höhe. Soly meisterte die anspruchsvollen Partien mit Spielwitz und technischer Finesse und bereicherte die Veranstaltung mit einem geistreichen Abend.Bei den Opernkostproben am Samstag wurde man Zeuge einer einmaligen Graupner-Renaissance. Sein musikalisches Schauspiel ,,L'Amore ammalato" wurde aus seinem 302 Jahre währenden Dornröschenschlaf erweckt. Weitere Appetithappen entstammten der 1707 entstandenen Oper ,,Dido, Königin von Carthago", die vor gut einem Monat bereits im Berliner Konzerthaus für Furore gesorgt hatte. Das hohe Niveau des fulminanten Kammer-Ensembles Ex Tempore und der Gesangssolisten wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.Auf eine Inszenierung der Kostproben wurde verzichtet. Eine gestische Umsetzung der Musik, wie sie wohl in der Barockzeit gepflegt wurde, wurde allerdings vorweggenommen. Das gestisch-mimetische Spiel war als Kostprobe der Arbeit von Sigrid T'Hooft zu verstehen, die Ende Oktober Graupners in Darmstadt entstandene Oper ,,Berenice und Lucilla" in der Orangerie realisieren wird.Vielleicht wird damit genau das wettgemacht, was Christoph Graupner in der Musikgeschichte zum Nachteil wurde: eine fehlende Bildpräsenz. ,,Wie soll man eines Jubilars gedenken, von dem man noch nicht einmal weiß, wie er aussah?", gab Oswald Bill, Mitherausgeber des Graupner-Werkverzeichnisses, zu bedenken. Nicht ein einziges Porträt hat überdauert. Aber dafür nahezu seine gesamte Musik. In ihr entfaltet sich ein Facettenreichtum, der den Mangel an Bildlichkeit kompensieren kann.

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