Jetzt ist es ihm selbst passiert. Halb mürrisch, halb belustigt blickt Jürgen Wuchner, ein Mann von kräftiger Gestalt, an sich herunter, mustert seine Garderobe und befindet: „Ich lauf’ ja schon wieder selbst so rum.“ Dunkelgraues Baumwollhemd, verwaschene Jeans – die triste Couture der Deutschen halt. Keine Spur mehr von den herrlichen Knallfarben, die man an seinem zweiten Wohnsitz trägt: Zitronengelb, Grasgrün, Orange und Himmelblau – das sind die Farben des Senegal. Und das färbt ab, gibt der Darmstädter Jazzbassist zu. Nicht nur auf seine Freizeitmode.
Zurzeit wohnt er wieder in seinem Reihenhaus in Bessungen, geht eher selten vor die Tür, kleidet sich betont unbetont. Diesen Kulturwechsel macht er seit 2009 mit. Damals trat seine Frau einen Job als Entwicklungshelferin in Dakar an, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates. Für drei Jahre. Selten hat sie die Chance, die alte Heimat zu besuchen. Also packte auch ihr Mann seine Klamotten, spedierte einen seiner Kontrabässe per Schiff Richtung Afrika, und lebt nun die Hälfte des Jahres im bunten Senegal.
Da war er zuvor noch nie gewesen. Die erste Begegnung am Flughafen in Dakar: ein Kulturschock? Ach was, im Gegenteil. „Ich war total begeistert. Die Straßen sind belebt, alles ist bunt, einfach wunderbar!“ Überall grüne Freiräume in der Stadt. „Bei uns ist ja jeder Quadratmeter zubetoniert.“ Und natürlich: Jeden Morgen die Chance, ein Bad im Atlantik zu nehmen, unter Palmen: Die Wuchners wohnen hundert Meter vom Stadtstrand entfernt.
Jürgen Wuchners „Spirit of Dakar“ ist am Samstag (4.) in Klein-Umstadt im Alten Rathaus in der Bachgasse zu ab 20 Uhr zu erleben. Er tritt mit seinem Trio auf. Hörproben gibt es hier auf seiner Webseite, auch die CD „Chants d'ombre“ ist darüber direkt zu beziehen.
Wenn Wuchner, Jahrgang 1948, von seinem anderen Leben erzählt, große Fotoabzüge durchblättert, zieht ein feines, fast seliges Lächeln über sein Gesicht. Bilder blanker schwarzer Oberkörper: ein Ausflug „aufs Land“, wo er einem Initiationsritual beiwohnen durfte – 90 Prozent der Senegalesen sind Muslime, „aber im Grunde ihres Herzens sind sie doch Animisten“, vom Glauben an die Beseeltheit der Natur erfüllt. Bilder aus dem Stadtzentrum: Villen neben windschiefen Hütten, zerzaustes Buschwerk überall.
Schließlich das Foto von „meiner Band“. Wuchner, der auf renommierten Festivals zu Gast war, der sich als Motor vieler namhafter Trios, Quartette und des vielköpfigen Kollektivs „United Colors of Bessungen“ einen Namen gemacht hat, steht da umringt von drei jungen Afrikanern. Im hellen Streifenhemd, mit Sonnenbrille, augenscheinlich gut gelaunt; sattes Blattgrün und violetter Hibiskus umranken das Idyll, „der Garten unseres Gitarristen“ – es findet ja „immer alles draußen statt“.
Anschluss an die Musikszene der Millionenstadt zu finden, war ein Leichtes, erzählt Wuchner. Bei Besuchen in Musikclubs der nächtens grell erleuchteten Stadt stieß er auf einen Gitarristen, einen Trommler und einen Percussionisten. Wie geht das zusammen, ein europäischer Akademiker und drei afrikanische Naturtalente? Wuchner grinst: „Was ich Jazz nenne, hab ich ja auch auf der Straße und in Clubs gelernt – an der Akademie in Darmstadt war das damals verpönt.“
An den Musikern aus Dakar schätzt Wuchner vor allem das rhythmisch präzise Spiel, besonders auch bei den Kollegen am Bass. „Die Töne kommen so präzise wie ein Trommelschlag.“
Leben können die Virtuosen davon aber kaum. Wuchner erzählt von schlecht bezahlten Gigs in teuren Lokalen und von verschimmelten Instrumenten in der nationalen Musikschule: „Es gibt ja keine Lehrer.“ So bot der Darmstädter, der daheim an der Akademie für Tonkunst lehrt, seine Dienste an. Das Honorar? Wuchner schaut mitleidig auf den Fragesteller. Er macht es umsonst, natürlich. Außerdem lernt er dabei ja selbst dazu.
Zum Beispiel von Mamoudou, einem Schlaks Mitte 20. Der schaut sich zwar die Notenblätter an, guckt sich alles Nötige dann aber doch lieber direkt von den Fingern Wuchners ab, wenn dieser ihm etwas vorspielt. Das klappt bestens und kommt rhythmisch ungemein präzise. Konsequenz: „Man sollte auch bei uns mehr nach dem Gehör und weniger nach dem Blatt spielen“ – Wuchner probiert es gerade an einem Darmstädter Schüler aus, „mit großem Erfolg“, sagt er.
Auch seine eigene Musik klingt seither ein wenig anders. Das neue Album „Chants d’Ombre“ ist inspiriert durch die Gedichte von Léopold Sédar Senghor, dem dichtenden Staatspräsidenten des Senegal. Dessen bildstarke Verse – auf deutsch wie französisch gelesen – verbinden sich mit einem mal rhythmisch treibenden, mal lyrisch verspielten Jazz made in Hessen.
So viel gäbe es im Senegal noch zu entdecken für Wuchner, ahnt er. Aber im Sommer geht das Doppelleben auf zwei Kontinenten zu Ende. Ganz nach Afrika ziehen? „Nein, wir sind doch zu abhängig von unserer Art zu leben.“ Sicher werde er ab und zu Freunde in Dakar besuchen. Und vielleicht rettet er ja die eine oder andere Farbe aus Afrika herüber in die alte graue Heimat.

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