Ja, stimmt schon, sagt Toni Völker: Neue Musik steht nach wie vor im Verdacht, „ein bisschen elitär zu sein“. Daran hat auch das Festival, das er seit vielen Jahren in Darmstadt organisiert, nicht viel ändern können. Der Franke mit dem zupackenden Charme, selbst Komponist und Lehrer an der Akademie für Tonkunst, setzt deshalb auf zwei Strategien.
Punkt 1: freier Eintritt bei jedem der 14 Konzerte, die zwischen 3. Februar und 3. März im großen Saal der Akademie zu hören sind – alle Musiker spielen ohne Gage, die Auswärtigen (Brasilianer, Koreaner) bekommen die Fahrt erstattet und einen dicken Blumenstrauß.
Eröffnet werden die „Tage für neue Musik“ am Freitag (3.) um 18 Uhr mit der Ausstellung „Landnahme II – Malerei von Ruth Wagner“ in der Akademie für Tonkunst (Ludwigshöhstraße 120). Im Großen Saal finden dann alle Veranstaltungen vom 3.2. bis 3.3. statt. Das ganze Programm im Internet: www.akademie-fuer-tonkunst.de
Punkt 2: die Vielfalt der Klänge, die Völkers Kollegen ausbreiten. Da sollte eigentlich für jeden halbwegs Musikinteressierten etwas dabei sein. Naturklänge sind ebenso zu hören wie Elektronik, Klaviermusik und experimentelle Chorwerke. Darmstädter Komponisten und die Werke von Großmeistern wie John Cage. Und manchmal füllt nur ätherisches Rauschen den Saal, kein Instrument weit und breit.
So in etwa wird es beim Konzert „Akusmatik – Musik für Lautsprecher“ zugehen (Mittwoch, 8.2.). Einziges Möbel im Saal wird das Mischpult sein. An dem wird Nikolaus Heyduck live das durch die Lautsprecher schicken, was er an gefundenen Klangquellen in den letzten Jahren aufgenommen und bearbeitet hat. Zum Beispiel: den Fahrtwind, den er auf einer Islandreise mit Kollegin Monika Golla so herrlich durchs Autofenster rauschen hörte. Daraus hat der Musiker später „klangliche Ableitungen gebildet“, die dem Zuhörer nun „individuelle Assoziationsräume öffnen“ sollen. Idealerweise spürt man im Saal sogar noch die „klangliche Beschaffenheit der Straße“. „No. 1/Hringvegur“ heißt das Werk, benannt nach der Hauptstraße der Insel.
Ein Highlight verspricht Toni Völker schon für das kommende Wochenende. Da werden John Cages „sonatas and interludes for prepared piano“, ein siebzigminütiges Meisterstück der neuen Musik, in ihren bizarren Facetten erklingen. Am Donnerstag beginnen schon die Vorbereitungen. Es gilt, viele Schrauben, Bolzen, Gummis und Plastikteile im hauseigenen Flügel zu platzieren, alles genau nach der Präparationstabelle des Meisters.
Die Brasilianerin Vera di Domênico legt als künstlerische Leiterin Hand an das Instrument, unterstützt durch einen örtlichen Klavierbauer. So wird „der Konzertflügel zum Percussionsorchester“ – und doch, sagt Toni Völker, wird das Ganze kaum schroff klingen. Die Brasilianer der neuen Musik „bringen es verspielter, warmherziger“ herüber als die akademischen Europäer. Passt schon. Schließlich geht es im Stück darum, „die neun Stadien der Emotion“ zum Klingen zu bringen. Zu erleben am Samstag (4.) um 19.30 Uhr.
Ach, eigentlich ist alles eine große Freude, wohin Toni Völker auch im Programm blickt. Das Auftaktkonzert am Freitag um 19.30 Uhr zu Ehren des verstorbenen Hans Ulrich Engelmann, Musik von einer „Sinnlichkeit, die anderen Komponisten der Zwölftonmusik fehlt“. Das Gastspiel der Koreaner am Freitag (24.), die Tanz und Musik verbinden. Und der Abend mit Naturklängen (Samstag, 25.), Kompositionen für Baumstämme und Lockpfeifen. Titel: „Vernünftige Tiere“. Damit sind wohl auch die Zuhörer gemeint
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