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25. Januar 2010 Von Christian Chur

Beiläufig böse

Kabarett: Einen Abend voll Nachdenklichkeit mit Hagen Rether im Darmstädter Staatstheater

| Vergrößern | Ein Zyniker bezieht Positionen: Hagen Rether gab auf Einladung der Centralstation einen Kabarettabend im Staatstheater. Foto: Veranstalter
DARMSTADT. 


Sein Auftreten ist unprätentiös und entspannt. Die Idee, sein Programm seit Jahren ,,Liebe" zu nennen, eigentlich kommerzieller Selbstmord. Und dennoch ist er erfolgreich und macht immer mehr auf sich aufmerksam. Sein einziger steter Begleiter ist ein Flügel, den der ausgebildete Pianist am Freitagabend im Staatstheater allerdings ungewöhnlich selten erklingen lässt. Anstelle dessen zieht er es vor, das schwarze Instrument in Ruhe zu putzen. Sein Programm hat etwas Monodramatisches, ohne einer stringenten Dramaturgie zu folgen. Der Abend lebt von einer beschwingten Beiläufigkeit, in der sowohl politische, gesellschafts- und medienkritische Aspekte angerissen und in ihrem traurigen, zum Teil grotesken Wahrheitsgehalt beleuchtet werden. Ein Abend bei Hagen Rether braucht Zeit: Zeit für eine dreistündige Gesellschaftsstudie, die nachdenklich werden lässt. Man lacht im ersten Moment über seinen bissigen Zynismus und weiß im Grunde genommen genau, welche traurige Realität dahinter steckt.

Die gegenwärtige Bundesregierung in ihrem Dilettantismus ist nur einer seiner thematischen Schwerpunkte. Er erinnert auch an die Machenschaften vorzugsweise konservativer Politiker. ,,Während linke Politiker schon für weitaus kleinere Delikte ihren Hut nehmen müssen, sitzen Roland Koch, Christian Wulff und Co. die Sache aus und bleiben einfach in ihrem Amt. Und es funktioniert. Das wird einfach alles wegtoleriert."

Rether scheut sich nicht, unbequeme Themen in seinen Monolog aufzunehmen. Die weltweite Diskriminierung und Verletzung der Rechte von Frauen, die von ihm angesprochen wird, lässt selbst das Publikum schweigen. Die Tatsache, dass notleidenden Banken eher geholfen wird als Menschen in der Not, spricht für sich. Bestätigend schüttelt er bedächtig den Kopf. ,,Das ist nicht lustig. Überhaupt nicht." Rether ist dabei weder dogmatisch noch idealistisch. Er ist ein aufgeklärter Geist, der das aktuelle Zeitgeschehen nüchtern beobachtet und sarkastisch bewertet.

Mit dieser Haltung blickt er der nächsten Enzyklika Papst Benedikts XVI. entgegen. ,,Mal sehen, mit welcher Glaubensgemeinschaft er es sich diesmal verscherzt. Die Buddhisten legen schon die Ohren an." Aber auch andere Glaubensvertreter werden von ihm nicht verschont. ,,Der Dalai Lama ist der Peter Lustig für enttäuschte Christen." Ergreifend hingegen ist sein Resümee darüber, was allen Religionen im Kern gemeinsam ist: ,,Zum einen die Demut vor der Schöpfung. Zum anderen die Nächstenliebe. Und mehr ist doch nicht nötig."

Die zweite Hälfte ist in ihrer Länge eine Herausforderung für die Konzentration des Publikums. Beinahe leitmotivisch greift er immer wieder die in den Medien geäußerte Kritik auf, Oskar Lafontaine sei populistisch oder demagogisch. Populismus gehöre genauso zur Politik wie das Schwitzen im Sport. Nur sei Lafontaine wenigstens konsequent dabei.

Der grandiose Abend lebt vor allem von Rethers Mut, Stellung zu beziehen, auch wenn diese unbequem ist. Unter stürmischem Jubel wird er von einem gleichfalls begeisterten und erschöpften Publikum verabschiedet.


 
 


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