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06. Februar 2010  | Von Kerstin Fritzsche

,,Schall & Wahn" von ,,Tocotronic"

15 Jahre Tocotronic: Die Hamburger Band ist erwachsener und harmonischer geworden, ihre linke Widerstandshaltung hat sie jedoch nicht aufgegeben - Im März auf Tournee

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Tocotronic Foto: Sabine Reitmaier

Kaum ein neues Album einer deutschsprachigen Band dürfte mit solcher Spannung erwartet worden sein wie ,,Schall & Wahn" von ,,Tocotronic". Dass Dirk von Lowtzow (Gesang, Gitarre), Jan Müller (Bass), Arne Zank (Schlagzeug, Keyboard, Gesang) und Rick McPhail (Gitarre, Keyboard) aus dem Hamburger-Schule-Diskursrock-Universum herausgewachsen sind und Trainingsjacken und Cordhosen gegen feineren Zwirn getauscht haben, haben sie schon 2007 mit ,,Kapitulation" klar gemacht. Beim Erwachsenwerden hatten die ,,Tocos" Anti-Haltung und subkulturelles Pathos nicht abgelegt, aber nun hieß es nicht mehr ,,Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse", sondern ,,Mein Ruin ist mein Bereich, denn ich bin nur einer von euch." Mit ,,Kapitulation" positionierte sich die Band eindeutig gegen Kapitalismus und ausbeuterische Arbeitsmarktmechanismen, wirkte dabei auch musikalisch unheimlich gereift.

,,Schall & Wahn" (Vertigo/Universal) bringt nun das Beste aus beiden ,,Toco"-Phasen zusammen: Eingängige, wohl komponierte Melodien und gereifte, ernstzunehmende Opposition, wie bei ,,Die Folter endet nie". Immer noch kryptische Reime und jugendlich-naiven Hau-d rauf-Rock, wie etwa bei ,,Ein leiser Hauch von Terror" und ,,Stürmt das Schloss".

Auf dem finalen Album der Berlin-Trilogie - Alben, die unter Produzent Moses Schneider in der Hauptstadt entstanden sind - kreischt von Lowtzow jetzt nicht mehr mit den Gitarren um die Wette ,,Ich will Teil einer Jugendbewegung sein", sondern sein Gesang schafft richtig harmonische Tiefgründigkeit zwischen Streichereinsatz, Bläserchor und Schlagzeug-Einlagen.

Mitunter aber kommt der ,,Tocotronic"-Frontmann immer noch so manisch wie früher daher. Wenigstens sehr psychedelisch wirkt das sehr getragene ,,Gift", während das samtig-liebevoll gesungene Stück ,,Eure Liebe tötet mich" mit süß triefender Lieblichkeit Gänsehaut verursacht.

Diese Songs, Anfang und Ende des zwölf Stücke umfassenden Werks, drücken über je acht Minuten das aus, was die Hamburger Jungs mit ihrem neunten Album vor allem zeigen wollen: wie sehr man sich in Musik verlieren kann. In diesem Sinne ist auch der Titel aus Shakespeare's Drama ,,Macbeth" entlehnt: ,,Leben ist nicht mehr als eine Fabel, erzählt von einem Idioten, voll mit Schall und Wahn, die nichts bedeutet." Die innige Einheit von Form und Inhalt weckt Assoziationen zu ,,Jeanny": 1985 schaffte es Falko damit, bedrohliche Stimmung zu transportieren, die sich wohl jedem Hörer mitteilte. Und es ist dennoch tatsächlich möglich, zu Zeilen wie ,,Wir haben kein Gefühl mehr, wenn wir auf der Streckbank liegen - Wir sind innerlich beschädigt" ausgelassen zu tanzen.

Wahrscheinlich ist genau das im Sinne der ,,Tocos", denn eine Schicksalsgemeinschaft kann genauso in einer Ästhetik des Leidens wie in einer ,,Ästhetik des Widerstands" (Peter Weiss) geschmiedet werden. Aber von wegen, dass das alles nichts bedeutet: Die Hamburger haben vor zehn Jahren Adorno verinnerlicht, sie wissen, dass gerade im eigenen Empfinden von Individualität die größte Vergesellschaftung liegt. Nach Finanzkrise und Globalisierung ist alles derart komplex geworden, dass sich selbst die ,,Tocos" davor hüten, weiterhin pauschal ,,das System" zum Feind zu erklären und Ratschläge zum Kapitulieren zu geben. Da kommt höchstens noch der bescheidene Wunsch: ,,Keine Meisterwerke mehr".

Was aber bleibt, wenn man nach 15 Jahren Bandgeschichte trotzdem weiterhin anti sein will, ohne sich unglaubwürdig zu machen? ,,Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn, im Zweifel fürs Zerreißen der eigenen Uniform" singt von Lowtzow als selbst ernannter ,,Graf von Monte Schizo" mit kraftvoller Stimme und erklärt den Rest lieber in Interviews. Etwa, dass heute als Band politisch links zu sein bedeutet, sich nicht nur textlich kritisch mit der Beschaffenheit der Welt auseinanderzusetzen, sondern real etwa auch jener der Musikindustrie.

Doch ,,Tocotronic" wären nicht ,,Tocotronic", wenn sie all dies nicht oft genug auch wieder ironisch brächen wie bei der ersten Single-Auskopplung ,,Macht es nicht selbst": ,,Wer zu viel selber macht, wird schließlich dumm (ausgenommen Selbstbefriedigung)". Oder einfach mal ein fröhlich-dadaistisches ,,Bitte oszillieren Sie zwischen den Polen Bumms und Bi" dazwischen werfen.

Dann ist fast wieder alles beim alten: nicht einverstanden sein und trotzdem tanzen. Alles andere wäre ,,Tocotronic" zu banal. Das zeigt sich übrigens auch in der Covergestaltung und dem ganzen Artwork des Albums, das mit viel Liebe zur augenzwinkernden Subversion gemacht ist. Besonders schön ist die limitierte Sonderedition als Box mit zwei Postern, mehreren Stickern und Buttons.

,,Tocotronic" spielen am 6. März im Capitol in Offenbach, am 11. März in der ,,Halle", Heidelberg.

 
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