In diesen Tagen erscheint im Insel-Verlag eine neue Anthologie, herausgegeben und übersetzt von Karl Dedecius: „Meine polnische Bibliothek“ (470 Seiten, 39,90 Euro) umfasst Texte aus neun Jahrhunderten. Das Buch bietet, so die Ankündigung des Verlages, „die Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Kultur und Literatur unseres Nachbarlandes“.
Karl Dedecius gehört nicht zu den Menschen, die mit ihrer Leistung kokettieren. Aber ein kleiner Scherz darf schon sein, wenn man ihn fragt, warum er vor allem Gedichte übersetzt hat. „Weil ich im Grunde faul bin“, antwortet er heiter. „An einem Roman hätte ich ja ein Jahr sitzen müssen oder länger. Ein Gedicht schaffe ich an einem Abend.“
Natürlich weiß er, dass es so rasch nicht immer geht. Manchmal dauert es Wochen, bis er den passenden Reim, das treffende Wort findet oder jene Redewendung, die den Sinn besser fasst, als es die wörtliche Übersetzung kann. Karl Dedecius, der große Übersetzer insbesondere aus dem Polnischen, sucht den Geist eines Textes, seine Musikalität und auch die Empfindung, die er auslösen kann. „Lyrik ohne Empfindung ist nichts“, sagt er. Sie zu transportieren, gelingt nur, wenn man in mehreren Sprachen gelebt hat wie er, dessen Schulklasse in Lodz „ein kleines Europa“ war.
Dedecius kann leicht über seine Faulheit scherzen, denn sie ist wahrscheinlich das letzte, das man ihm vorhalten könnte. Reichlich 200 Bücher werden es sein, die er herausgebracht hat. In diesen Tagen erscheint im Insel-Verlag eine weitere Anthologie, die polnische Texte seit dem Mittelalter bietet, auf dem Sofa in seinem Frankfurter Arbeitszimmer liegt, säuberlich sortiert, schon das Material für das nächste Buch. Dass im deutschen Sprachraum die polnische Literatur und insbesondere die Lyrik einen so hohen Stellenwert genießt, ist sein Verdienst; die Verleihung der Literatur-Nobelpreise an Czeslaw Milosz und Wyslawa Szymborska geht entschieden mit auf sein Konto – erst ihre Verbreitung im deutschen Sprachraum hat ihnen internationale Aufmerksamkeit verschafft.
Eine zentrale Gestalt des deutsch-polnischen Kulturaustausches war er schon, bevor er 1979 die Gründung des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt anregte und der erste Direktor wurde. Gerade weil es abseits des politischen Alltags operierte, gelangen diesem Institut ganz wesentliche Schritte der deutsch-polnischen Verständigung. Und wenn es in den vergangenen Jahren zwischen den Nachbarn gelegentlich scharfe Töne gegeben hat, wenn auf beiden Seiten alte Ressentiments wieder hervorbrachen, waren es die Politiker und nicht die Literaten, die sich so äußerten: Diese Feststellung ist Dedecius wichtig, der penibel darauf geachtet hat, seine Arbeit nicht politisch vereinnahmen zu lassen.
Wenn morgen in Darmstadt sein 90. Geburtstag mit der Verleihung der Dedecius-Übersetzerpreise gefeiert wird, dürfte wieder seine Rolle als Brückenbauer zwischen den Nachbarn Deutschland und Polen gewürdigt werden. Aber als Dedecius mit dem Übersetzen anfing, hatte er eine solche politische Mission gar nicht im Sinn. Er brauchte die Literatur einfach für seine verwundete Seele. Der Krieg und sieben Jahre in Gefangenschaft hatten ihn gezeichnet. Er gründete eine Familie, das junge Paar bekam zwei Kinder, in Frankfurt fand er Anstellung bei der Allianz, für die er den Bereich Presse und Fortbildung leitete. „Dann hat sich meine Seele gemeldet“, beschreibt Dedecius heute seinen Antrieb. An Musik, wie er sie von klein auf betrieben hatte, war nicht zu denken, die Finger waren nach Jahren in russischen Steinbrüchen für die Geige nicht mehr zu gebrauchen. Also verlegte Dedecius sich auf die Poesie. Sein Geld verdiente er mit der Büroarbeit, die er pünktlich beenden konnte, dann folgten die Übersetzerabende und -nächte im privaten Arbeitszimmer.
„Man muss nicht genial sein, man muss sich nur gut organisieren“, sagt er, und dabei hilft es natürlich, wenn man auf manche Seiten des Lebens verzichten kann. Auch wenn Dedecius bisweilen als Kommunikationswunder erscheint, der Menschen mit eleganter Freundlichkeit entgegenkommt: Ein Tausendsassa des Literaturbetriebs ist er nie geworden. Im Grunde ist er ein Einzelgänger geblieben, der die Abgeschiedenheit schätzt. Wenn polnische Schriftsteller zu Besuch kamen, erwarteten sie Unternehmungen – aber mehr als ein gemeinsames Kaffeetrinken war selten drin. Dedecius musste ja an seinen Übersetzungen weiterarbeiten.
So war ein umfangreiches Werk schon gewachsen, als Dedecius sich nach 25 Jahren bei der Allianz ganz der deutsch-polnischen Literaturarbeit und dem Darmstädter Institut widmete. Er verstand es nicht als Amt, sondern wie eine zweite Familie, und so betrug er sich auch gegenüber seinen Mitarbeitern. Auch das hat den Geist des Instituts geprägt und seinen Ruhm noch vergrößert. Dedecius hat so viele bedeutende Preise erhalten, dass er sie selbst kaum zu überblicken scheint, und wenn er davon erzählt, scheint er selbst zu staunen über die Summe. Er müsste ja eigentlich routiniert sein im Geehrtwerden, aber in der vergangenen Woche hat Dedecius sich von einer eher kleinen Auszeichnung zu Tränen rühren lassen, als ihm der Verband der in Deutschland lebenden Polen eine Urkunde für sein Wirken überreichte und zur Preisfeier sogar die Lieblingsmusik seiner Jugend besorgt hatte.
Für solche Signale der Zuneigung ist er offen geblieben, und er kann sie nicht nur empfangen, sondern auch senden. In dieser Woche kam eine Delegation aus seiner Geburtsstadt Lodz, wo er natürlich Ehrendoktor ist und auch Ehrenbürger. Inzwischen heißt sogar eine Schule nach ihm, und als am Dienstag sechs Schüler zur vorgezogenen Gratulation in sein Frankfurter Haus kamen, hatte er für jeden ein Geschenk besorgt. Ein Buch natürlich, nicht von Dedecius, sondern der „Kleine Prinz“, aber in einer deutschen Ausgabe. Dass Schüler in Polen diese Sprache lernen, hat auch mit Versöhnungsarbeit zu tun, die Dedecius fast versehentlich, aber doch mit großer Selbstverständlichkeit betrieb.

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