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11. Februar 2012  | VON BETTINA BERGSTEDT

Rettendes Geländer

Nachlese – Ein Abend zu Ehren der verstorbenen Dichterin Wislawa Szymborska

DARMSTADT. 


Eigentlich hätte sie ein Junge werden sollen, heißt es. Sie ist aber ein Mädchen geworden; eines, das Gedichte schrieb und das in den naturwissenschaftlichen Fächern nur mäßig gute Noten ablieferte, aber in Polnisch glänzte. Für jedes eigene Gedicht gab der Vater ihr zwanzig Groschen. Wenn man bedenkt, dass Wislawa Szymborska nur rund 350 Gedichte im Laufe ihres fast neunzigjährigen Lebens schrieb, wäre sie mit diesem raren Lohn auf die Dauer wohl kaum über die Runden gekommen.
Stattdessen wurde sie über die polnischen Grenzen hinaus bekannt, spätestens nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1996. Ihre äußeren Lebensumstände in Krakau hat sie deshalb kaum verändert: eine Wohnung in einem Wohnblock – das genügte. Ihr Weitblick bedurfte keiner Extravaganz.
Schlicht und in heiterer Gelassenheit ist sie im Kurzfilm von Andrzej Koszyk zu erleben, in dem der Freund sie porträtiert: feine Gesichtszüge, in der einen Hand ein Teeglas, in der anderen eine Zigarette, weiße Bluse unter schwarzer Weste, Silberbrosche am Kragen. Geschrieben hat sie auf Zettel mit dem Federhalter – der Kontakt „des zweifelhaften Inhalts im Kopf zur Hand“ war ihr wichtig. Ob sie nicht lieber ein Limerick statt einer Rede anlässlich der Preisverleihung in Stockholm schreiben wolle, fragt Koszyk. Die Dichterin lacht: „Nein, die sind zu seriös!“
Die kürzeste Nobelpreisrede wurde es wohl trotzdem. Szymborska spricht im Film von ihrem Hang zum Aphorismus. Dabei habe sie durchaus lange Gedichte verfasst, betonen die Organisatoren des Abends, Matthias Kneip und Manfred Mack, beide Mitarbeiter im Polen Institut. Sie lesen gemeinsam mit der Übersetzerin Renate Schmidgall ihre Lieblingsgedichte vor, dazu nuanciert ironische Feuilletons.
Das Kaminzimmer im Polen Institut auf der Mathildenhöhe ist trotz frischen Schnees und Glatteisgefahr überfüllt. Bis auf den Gang stehen die Freunde der Poesie. Kein Wunder: „Manche mögen Poesie, man mag ja auch Nudelsuppe…“ schrieb Szymborska in einem ihrer Gedichte. Sie selbst hielt sich an der Poesie fest „wie an einem rettenden Geländer“.

 
 


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