Die niederländischen Nachbarn können überraschen. In der Provinz Seeland wird seit zehn Jahren Wein angebaut, vier Rebsorten auf zehn Hektar. Die Darmstädter konnten am Sonntagmorgen ein Glas Pinot gris zum Frühschoppen probieren: Konsul Bernd Scholtz hatte die Flaschen mitgebracht, um die Eröffnung des Literaturfestivals „Passion Niederlande“ in der Stadtkirche zu feiern.
Das Interesse an Gedanken und Geschichten des Nachbarlands ist groß. Dass bei einer Lesung auch die Emporen besetzt sind, erinnert Pfarrer Martin Schneider an Weihnachten: Über fünfhundert Besucher wollten die Lesung des Erfolgsautors Cees Nooteboom hören – ein starker Start für die Reihe, die bis 19. Februar 17 Autoren nach Darmstadt holt. Es ist das größte Festival mit Literatur des Nachbarlandes, seit die Niederlande vor bald 20 Jahren Ehrengast der Frankfurter Buchmesse waren. „Wer sich in diese Literatur einliest, den lässt sie nicht mehr los“, sagte als Schirmherr der frühere Oberbürgermeister Peter Benz, und Pfarrer Schneider versprach eine literarische Entdeckungsreise – man brauche das Nichtvertraute, um sich selbst auf die Spur zu kommen.
Die Reihe wird am nächsten Sonntag (29.) um 11.30 Uhr fortgesetzt. Arnon Grünberg stellt seinen Roman „Mitgenommen“ vor und liest erstmals auch aus seinem neuen Buch „Mit Haut und Haaren“, das im März erscheinen wird.
Die Neugier auf das Fremde wurde zum Auftakt noch nicht übermäßig strapaziert. Cees Nooteboom ist vielen deutschen Lesern seit Jahren vertraut, und gerade in Darmstadt kennt man ihn von Besuchen im Literaturhaus, dessen früherer Programmleiter Andreas Müller auch das jüngste Gastspiel angebahnt hatte.
Der Gedanke, dass man in der Begegnung mit dem Fremden gerade dadurch, dass man etwas sieht, davon getrennt wird, findet sich im Band „Schiffstagebuch“, einer Sammlung von Reiseskizzen. Das Benares-Kapitel, das Nooteboom für seine Darmstädter Lesung wählte, zeigt anschaulich das Schreiben als Folge intensiv gelebten Beobachtens. Der Autor taucht ein in die Legenden des Ortes und findet doch immer wieder den Rückbezug zu sich selbst. Wie Erinnerung und Gegenwart ganz selbstverständlich ineinandergreifen und doch voneinander getrennt bleiben, belegen Auszüge aus der jüngsten Sammlung „Roter Regen“. Nooteboom sinniert über seinen Wunsch nach einem absoluten Gedächtnis – „aber dazu bräuchte man ein weiteres Leben, genauso lang wie das bisher gelebte“.
Heiter nahm das Publikum Nootebooms Überlegungen zum Älterwerden auf – so lange seine Mutter noch lebte, war er immer auch noch Kind, „und was soll man von einem Kind halten, das auf die achtzig zugeht?“ Die Folgen des Alters jedenfalls scheinen überschaubar. Die Toleranz gegenüber Schwätzern lasse nach, formulierte Nooteboom, „und der fünfte Schnaps haut mehr rein als früher.“ Zum Ende seiner ausgedehnten Lesung gewährte der Schriftsteller einen Einblick in das jüngste, noch nicht erschienene Werk. In den „Briefen an Poseidon“ äußert er unter anderem die Überlegung, die Götter könnten neidisch sein auf die Menschen – deren Sterblichkeit wegen.

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