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„Ich bin keine kulturelle Institution“

Die Lyrikerin Wislawa Szymborska war in Polen ungemein populär. Aber der Ruhm war der zurückgezogen lebenden Dichterin eher unangenehm.

Die Nachricht von ihrem Tod kam nicht überraschend. Schon seit Jahren litt die Literaturnobelpreisträgerin aus dem Jahr 1996 an Lungenkrebs. Und trotzdem hat die Meldung ganz Polen in tiefe Trauer gestürzt. Wislawa Szymborska galt als lebender Klassiker.
Doch dieser Status war ihr unangenehm, sie lebte zurückgezogen, zeigte sich kaum in der Öffentlichkeit. „Ich bin keine kulturelle Institution“, sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews. Sie könne sich nicht ständig überall zeigen und „reden, reden, reden“. Sie brauche Zeit zum Schweigen, denn Poesie entstehe aus dem Schweigen heraus.
Und obwohl sie sich der Öffentlichkeit entzog, war sie möglicherweise die von den Polen am meisten geliebte Dichterin. Ihre Gedichte fanden den Weg zu den Lesern, gingen in U-Bahnen und Zügen auf Reisen, wurden auf Parkbänken verschlungen und auf Kühlschränken angepinnt. Ihre Sprachkunst war der Beweis, dass es möglich war, Gedichte so zu schreiben, dass sie in einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und selbst von an Literatur nicht interessierten Menschen gelesen wurden. Das Nobelpreiskomitee würdigte sie als „Mozart der Poesie“, andere verehrten sie als Magierin, die im Stande war, Alltäglichkeiten durch poetische Sprache neue Blickwinkel abzuringen.

Der Autor

Matthias Kneip ist Mitarbeiter des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt.

Doch ihr Ringen mit der Sprache war zäh. Mittelmäßige Gedichte waren dieser Perfektionistin verhasst. Jedes Wort, jeden Satz galt es abzuwägen, jeden Vokal, jede Silbe auf ihre Passform zu überprüfen. Szymborska besaß Schubladen voller Kärtchen mit Formulierungen, von denen es letztlich nur wenige in die Endfassung eines Gedichtes schafften. So verwundert nicht, dass von dieser Autorin, deren Werk sich über fast 70 Schaffensjahre hinzog, nur etwas mehr als 350 Gedichte das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Doch es ging ihr nicht um die Masse. Es ging ihr um die Kunst. In aller Bescheidenheit. Und diesen Respekt, den sie der Sprache entgegenbrachte, gewährte sie auch ihrem Leben und selbst ihrem Tod. Ihr letzter Wunsch war, in einem Sessel sterben zu dürfen. Schließlich erwartete sie Besuch.

 

Artikel Text Laenge: 2238

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  • 02. Februar 2012
  • Von Matthias Kneip
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