Die wenigsten Zuhörer werden den Sinn der Worte unmittelbar verstanden haben. Aber die Lesung Wislawa Szymborskas war gewiss der bewegendste Augenblick der Frühjahrstagung, zu der die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sich 2000 in Krakau getroffen hatte. Die Dichterin sang ihre Verse zart und melodisch, bevor die Übertragungen durch Karl Dedecius erklangen. Dem Charme des deutschen Übersetzers war es auch zu verdanken, dass Szymborska überhaupt einen ihrer seltenen Auftritte gab. So populär die Dichterin in ihrer Heimat war, so zurückgezogen lebte sie.
„Ihr Denken ist sehr kompliziert, ihre Sprache ist sehr einfach“: So hatte Dedecius, der Gründungsdirektor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, einmal formuliert. Seine Übersetzungen hatten erheblichen Anteil an dem internationalen Ruhm, der Szymborska 1996 den Nobelpreis eintrug. Eine beständige Freundschaft verband die Dichterin mit ihrem Übersetzer, und so gab es auch regelmäßig Verbindungen zum Polen-Institut, das sie 1997 zuletzt besuchte. Auch der Gedichtband, der im Sommer bei Suhrkamp erschienen wird, zieht die Verbindungslinie nach Darmstadt, wo seine Übersetzerin Renate Schmidgall lebt.
Szymborska wurde 1923 in Kórnik bei Posen geboren. 1931 zog ihre Familie nach Krakau, wo sie das gesamte Leben verbrachte und als Journalistin arbeitete. Bereits 1945 debütierte sie als Lyrikerin, 1952 erschien die erste Gedichtsammlung. Der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski würdigte Szymborska als „guten Geist“ der Polen. „In ihren glänzend geschriebenen Versen haben wir ausgezeichneten Rat gefunden, der die Welt verständlicher machte. Sie hat uns gezeigt, dass es wichtig ist, den Wert des Alltäglichen zu suchen, in den Momenten, auf die wir im Alltag nicht achten.“
Für Sommer 2012 kündigt Suhrkamp einen weiteren Band Wislawa Szymborskas an: „Glückliche Liebe und andere Gedichte“. Am Donnerstag (9.) um 19 Uhr veranstaltet das Deutsche Polen-Institut im Darmstädter Haus Olbrich (Alexandraweg 28) eine Lesung zur Erinnerung an die Lyrikerin.
In wenigen Monaten soll ihrem Mitarbeiter Michal Rusinek zufolge Szymborskas letzter Gedichtband in Polen veröffentlicht werden. Der Titel passt zur Selbstironie der Dichterin: „Wystarczy“ (Es reicht). „Sie hat sich das als Scherz ausgedacht, aber jetzt ist es nicht mehr witzig“, sagte Rusinek. Er habe am vergangenen Sonntag von der Schriftstellerin Abschied genommen. „Wir haben eine letzte Zigarette geraucht, einen letzten Kaffee getrunken.“
Doch Szymborska war nicht nur die zurückhaltende Dame oder sensible Intellektuelle. In Nachrufen erinnerten Freunde und Weggefährten an ihren Humor, ihre Liebe zu kitschigen Reiseandenken oder Fernsehserien und ihre Bewunderung für den Boxer Andrzej Golota oder die Filme Woody Allens.
In Krakau, wo gestern die Fahnen vor öffentlichen Gebäuden auf halbmast hingen, Straßenbahnen und Busse mit Trauerflor fuhren, soll Szymborska auch ihre letzte Ruhestätte finden – nicht im Pantheon der polnischen Kultur in der Nähe der Wawelburg, sondern im Familiengrab auf dem Rakowicki-Friedhof.

Merken
|













