Das Buch heißt „Unser König“, und es hält, was der Titel verspricht. Nicht nur Friedrich selbst, sondern Friedrich in seiner Zeit wird da lebendig und erlebbar, fern des Mythos, fern jeder Heroisierung. Warum aber ist – und bleibt er – „unserer König“? Weil es immer noch „so viel über ihn zu sagen gibt, weil er immer wieder Kontroversen auslöst: der umstrittenste Monarch der deutschen Geschichte, Vorbild und Schreckbild“, schreibt Bisky und beschreibt die Faszination, die von seiner Person und seiner Zeit ausgeht. Sie erschließt sich wie von selbst bei der Lektüre der vier großen Abschnitte des Lesebuchs, zu denen Bisky jeweils den biografisch-historischen Rahmentext beisteuert. Nicht von ungefähr lässt er Friedrich selbst breitesten Raum, verleiht dem Preußenkönig gleichsam wieder eine Stimme – konfrontiert ihn aber zugleich immer auch mit einer Vielzahl anderer, zustimmender wie kritischer Aussagen und Zeugnisse, sowohl von Zeitzeugen als auch von nachgeborenen Kommentatoren.
Das macht denn auch den besonderen Reiz dieser unkonventionellen Auseinandersetzung mit einer der prägenden, aber auch immer wieder umgedeuteten, ja politisch missbrauchten Gestalt der deutschen Geschichte aus: Das überkommene Friedrich-Bild wird, Schritt für Schritt, gereinigt, der Blick fällt auf den Akteur, wie ihn das Jugendbildnis Antoine Pesnes von 1736 – oder besser noch – Anton Graffs Porträt des alternden Friedrich von 1781 zeigen: als Individuum, als Hoffnung einer neuen Zeit wie als autokratischen Herrscher, als Machtmenschen wie als Skeptiker, der der menschlichen Natur am Ende tief misstraut. Die schöneren Farben dieses gereinigten Friedrich-Bildes stammen dabei interessanterweise von denen, die ihn unmittelbar beobachten konnten, aber heute so gut wie unbekannt sind. Wie etwa der Jurist und Lingener Regierungspräsident Johann Michael von Loen oder der hannoversche Geheime Kriegsrat August Wilhelm Schwicheldt, der ein höchst aufschlussreiches Psychogramm hinterlassen hat, das den Doppelcharakter des Königs unbestechlich beschreibt.
Ruhmbegierde, Beifallsbedürfnis, Machtstreben, Aggressivität: Auch das gehört zum gereinigten Friedrich-Bild – nicht nur der schöngeistig-sensible, musikalisch hochbegabte Kronprinz der Rheinsberger Jahre. Der Siebenjährige Krieg war nichts anderes als ein Angriffskrieg – unter den dynastischen Bedingungen der Zeit, und Bisky spricht in diesem Zusammenhang auch unverblümt von einem „politischen Verbrechen“, dessen sich Friedrich schuldig gemacht habe. Genauso wie er die Zeugen versammelt, die die Schrecken der Feldzüge und mythisch überhöhten Schlachten wie die horrenden Opferzahlen und Verluste beim Namen nennt. Aber er liefert auch hinreichende Belege für Friedrichs draufgängerischen Mut und seine persönliche Tapferkeit, die seine Bewährung in schier aussichtslosen Situationen dokumentieren.
Jens Bisky: „Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch.“ Rowohlt Berlin, 397 Seiten, 19,90 Euro.
Und die Bilanz im Inneren? Auch die fällt, wie die von Friedrichs Kriegen, eher ernüchternd aus. Gewiss: da waren die Verwaltungsreformen, die Wiederbesiedlung verwüsteter Landschaften, die Einführung der Kartoffel als Volksnahrungsmittel (über die der Kolberger Friedrich Christian Nettelbeck anschaulich berichtet), nicht zuletzt die Abschaffung der Folter in Preußen. Aber: zur deutschen Geisteskultur, so Bisky, fand Friedrich, der ja zeitlebens Französisch sprach, „keinen Zugang ... Nur sporadisch hat er sich um Schulen gekümmert, um die Universitäten fast gar nicht. Seine Beamten dachten da weiter, seine Nachfolger erreichten binnen kurzem mehr auf dem Gebiet.“
Trotzdem: seiner oft beschriebenen Popularität hat das ebenso wenig geschadet wie seinem Nachruhm. Friedrich entsprach den Erwartungen der Zeitgenossen, die den Reiz der Einfachheit entdeckt hatten. Seine äußere Erscheinung: schlicht, ja geradezu spartanisch; Dreispitz, Ordensstern und Stock genügten dem Monarchen zur Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit. Und in dieser Schlichtheit gab er Anlass zu „vielen, vielfältigen Empfindungen und Gedanken. Dieser Mechanismus funktioniert so prächtig, weil er sich immer wieder erneuert. Es ist der Mechanismus der Legendenbildung, die auch historische Kritik und politische Polemik in ihren Dienst nimmt.“ So entstand auch die Figur des „Alten Fritz“ – des Königs mit großer Vergangenheit, der als Legende seiner selbst weiterlebte.

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