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17. Oktober 2011  | Von Wolf Scheller

Buch-Tipp: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge

Belletristik: Eugen Ruges mit dem Deutschen Buchpreis gekrönter Familienromanerzählt über den Niedergang der Utopie

| Vergrößern | Coverfoto: Verlag


Der „Roman einer Familie“, für den Eugen Ruge zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Buchpreis erhalten hat, erinnert auf den ersten Blick an Uwe Tellkamps großen „Turm“-Roman. Aber das gilt nur für eine Momentaufnahme. Gemeinsam ist beiden lediglich der Versuch, am Beispiel einer Familie das Zerbröseln eines Staatswesens namens DDR darzustellen. Bei Ruge, geboren 1954 in Soswa im Ural, reicht die Schilderung dieser Familiensaga über vier Generationen. Und das Geschehen gruppiert sich um ein Familienfest, das am 1.Oktober 1989 stattfindet und aus wechselnden Perspektiven der einzelnen Teilnehmer erzählt wird.
Dieser 1. Oktober 1989, an dem der Familienpatriarch Wilhelm seinen Neunzigsten feiert und zum soundsovielten Mal mit einem Orden ausgezeichnet wird, wirkt wie eine groteske Parabel über den verzweifelten Versuch einer senilen Herrschaftselite, zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Eugen Ruge führt hierzu ein Figurenensemble aufs Feld, dessen Mitglieder jedes für sich einen gewissen Generationstypus in seiner politischen Haltung verkörpert. Da ist Wilhelm, der mit seiner Frau Charlotte 1952 aus dem mexikanischen Exil in die DDR zurückgekehrt ist und als Funktionär Karriere gemacht hat. Mit Charlotte, die als überzeugte Kommunistin ebenfalls für diese Gründergeneration steht, liefert sich der längst nur noch in seiner Vergangenheit herumirrende Alte skurrile Gefechte, die mit all ihrem intriganten Drumherum ihr Vorbild in den politischen Metzeleien der oberen DDR-Nomenklatura haben könnten.
Nicht mehr ganz so beinhart, aber immer noch linientreu geriert sich ihr Sohn Kurt, ein Historiker, der – wie der Vater des Autors Wolfgang Ruge – als Kommunist nach 1933 aus Deutschland in die Sowjetunion geflohen war und nach Kriegsbeginn als Zwangsarbeiter in den Ural deportiert wurde. In Sibirien heiratete er die Russin Irina, die ihm mit ihrer Mutter in die DDR folgt. Aus der Ehe stammt der noch in Sibirien geborene Alexander, Alter Ego des Erzählers. Alexander kann weder mit dem DDR-System noch mit seinem Vater etwas anfangen, der inzwischen – man schreibt das Jahr 2001 – dement ist und vom Sohn eher widerwillig versorgt wird.
Alexander, dessen Erzählperspektive von zentraler Bedeutung in diesem Potpourri ist, gehört noch in den siebziger Jahren zum „Milieu“ in Prenzlauer Berg. Alexander verlässt Frau und Sohn, setzt sich nach Gießen ab und meldet sich ausgerechnet am Tag des Familienfestes per Telefon aus dem Westen. So geht es trotz aller sozialistischen Restrituale bei dieser Geburtstagsfeier für den Familienpatriarchen drunter und drüber. Dessen Urenkel Markus interessiert sich überhaupt nicht mehr für den sich abzeichnenden Zusammenbruch der DDR, auch nicht für seinen Urgroßvater, den er nur noch als „fossilen Abdruck eines ausgestorbenen Reptils“ wahrnimmt.

Das Buch:

Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts.“ Rowohlt-Verlag, 430 Seiten, 19,95 Euro.


Wie aber Eugen Ruge all diesen Figuren eigene Charaktere und damit ein funktionierendes Eigenleben einhaucht, ist einfach genial. Geschickt hält er von Beginn an den Spannungsbogen, auch wenn der Schauplatz häufig wechselt und die sechsmal aus verschiedenem Winkel erzählte Geburtstagsfeier im rasanten Mahlstrom des Romangeschehens fast schon zu einem vorweg genommenen Bestattungsritual zu werden droht. An einer Stelle heißt es: „Der Kommunismus ist wie der Glaube der alten Azteken: Er frisst Blut.“ Theaterautor Eugen Ruge (57) hat in seinem späten Romandebüt mit Hilfe einer zugegeben reichlich kühnen Erzählkonstruktion einen gewaltigen Stoffberg bewältigt. Sein humorvoller und listig-ironischer Blick auf die DDR-Geschichte trägt ganz entscheidend zum Gelingen dieses großartigen Romans bei.

 
 
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