Friedrich II. ist allgemein für zwei Komponenten seiner Herrschaft bekannt geworden: einmal seine gnadenlose Machtpolitik mit entsprechend rücksichtloser Kriegsführung, die Preußen in die Spitze europäischer Mächte führte. Dazu kam sein Hang zu künstlerisch-philosophischer Spielerei, die auch als zumindest geistige Liberalität dargestellt wird. Dass die beiden Seiten seines Wesens auch biografische Wurzeln haben, ist ebenso geläufig wie es evident ist, dass sie weder deckungsgleich waren, noch je harmonieren konnten. Wie stark die Widersprüche seines Wesens immer wieder aufeinander prallten, wird an keiner Episode aus Friedrichs Regierungszeit deutlicher als an seinem Kontakt zum französischen Dichter und Philosophen Voltaire. Rund zweieinhalb Jahre lebte Voltaire ab dem Sommer 1750 an Friedrichs Hof, nachdem dieser ihm über ein Jahrzehnt lang Avancen dazu gemacht hatte.
Aus dem Stoff dieser Jahre könnte man einen dicken Roman schreiben. Doch Hans Joachim Schädlich bringt in seiner Novelle das außerordentliche Kunststück fertig, zwei Personen der Weltgeschichte in äußerster Verknappung so auf die Punkte ihres Wesens und ihrer Zeit zu bringen, dass man nach der Lektüre seiner nicht einmal 150 Seiten glaubt, beide Menschen besser zu kennen als so mancher ihrer Biografen. Dabei erlaubt sich Schädlich keinerlei Abweichung von gesicherten Erkenntnissen, verzichtet daher auch auf die Imagination von Dialogen zwischen seinen Protagonisten. Und doch erschließt er ihre Charaktere und deren persönliche wie auch gesellschaftliche Hintergründe (sowie die hemmenden äußeren Umstände von Kommunikation und Reisen in dieser Zeit) derart intensiv, dass man nur staunen kann.
Schädlich stützt sich bei seinen sprachlich ausgefeilten Schilderungen vor allem auf Zeitzeugenberichte und den Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich, der schon in Friedrichs Kronprinzenzeit einsetzt. Der achtzehn Jahre ältere Philosoph und Dichter wird gegenüber dem auch musisch begabten und ehrgeizigen Friedrich zu einem geistigen Leitstern, der seinerseits vom jungen Prinzen sehr angetan ist. Friedrichs Wunsch, Voltaire an seinen Hof zu holen, steht unter anderem die Lebensgefährtin Voltaires, Émilie du Chatelet, entgegen; so wird Émilie bis zu ihrem Tod 1749 eine Gegenspielerin Friedrichs und die dritte Hauptperson dieser Novelle. Nach einem ersten Treffen zwischen Friedrich und Voltaire 1740 ist der Franzose angesichts von Friedrichs kriegerischer Expansion in Schlesien erst einmal ernüchtert: „Unter der dünnen Außenhaut des Ästheten liegt ... die Seele eines Schlachters.“
Da auch Voltaire keineswegs ein gradliniger Charakter ist, die beiden Männer in der Summe allzu unterschiedlich sind, es beiden aber letztendlich immer um ihre eigenen Interessen geht, kann die gemeinsame Zeit in Potsdam und Berlin schon sehr bald nur von einem Konflikt zum nächsten und damit zum gegenseitigen Überdruss führen. Das führt schließlich zur unerhörten Begebenheit der Meister-Novelle Hans Joachim Schädlichs: der fast schon als Flucht zu bezeichnenden Abreise Voltaires, die in Frankfurt am Main in einem von Friedrich inszenierten, mehrwöchigen, haftähnlichen und demütigenden Zwangsaufenthalt des Philosophen gipfelt.
Wieder einmal haben wir einen schmalen Band Hans Joachim Schädlichs in der Hand, für den wir viele andere bedeutende und bedeutend dickere Bücher gerne liegen lassen.
„Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II.“ von Hans Joachim Schädlich
Novelle – Friedrich und Voltaire: Schädlich bringt Geschichte auf den Punkt
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