Wenn sie die Wahl hätte, den Atlantik auf einem Vergnügungsdampfer oder auf einem Dynamitfrachter zu überqueren, sie würde jederzeit den Frachter wählen. Martha Gellhorn wusste, wovon sie sprach: Auf einem solchen Transporter war die amerikanische Journalistin – damals eine der wenigen Frauen im Männerclub der Kriegsberichterstatter – kurz vor der Invasion in der Normandie mitgefahren.
Reisen, das war für Martha Gellhorn zeitlebens immer das Gegenteil von Tourismus: nicht Bequemlichkeit und Sightseeing, sondern Stress, Entbehrung und Abenteuer. Diese Globetrotterin war eigentlich immer auf dem Kriegspfad, selbst wenn sie halbwegs friedliche Regionen bereiste. Die schlimmsten ihrer aufreibenden Reisen hat sie 1978, zwölf Jahre vor ihrem Tod, in dem Buch „Fünf Höllenfahrten“ beschrieben: bizarre Fahrten nach Afrika und Asien, ein überstürzter Aufbruch in die Karibik (um dort eine auf eigene Faust mit einer Schaluppe deutsche U-Boote ausfindig zu machen), der Bericht vom Aufenthalt in einem durch und durch unfreundlichen Moskau im Jahr 1972, und zum Ausklang des Bandes die missgestimmte Visite in einer seltsam verspießerten Hippie-Kolonie in Israel, Anfang der siebziger Jahre: „Ich konnte nicht sagen, ob die Haschdiät Erklärung genug sein konnte für den allgemein verbreiteten Mangel an Intelligenz.“
Martha Gellhorn: „Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten.“ Aus dem Englischen von Herwart Rosemann. Dörlemann-Verlag, Zürich. 544 Seiten, 24,90 Euro.
Martha Gellhorn, so scheint es bei der Lektüre dieses Bandes, reist aus Lust am Missvergnügen. Überall trifft sie auf Zumutungen: schlechtes Essen und lausige Unterkünfte, auf meist miserables Wetter und reizlose Landschaften. Wenn ihr nicht die allgegenwärtigen Parasiten das Leben schwer machen, dann die Inkompetenz der Bürokraten: Der Einreisebeamte in Kamerun studiert das Blatt mit ihren Impfbescheinigungen verkehrt herum. Solche Details notiert sie beiläufig, aber nicht ohne eine nur unzureichend gezügelte Überheblichkeit.
Überhaupt, die Menschen in der Fremde: verelendet sind sie, ungewaschen und undurchschaubar. In China, das sie 1941 mitten im Japanisch-Chinesischen Krieg bereist, kommen ihr die Bewohner vor wie „eine Masse niedergetrampelter, tapfer dem Untergang zustrebender Menschen“; die Inselbewohner der Karibik haben sich von den amerikanischen Dollars ihre Eigenart abkaufen lassen – es sind auch Gellhorns Dollars. Und dann erst die Afrikaner! 1962, also in der Dekade der Entkolonialisierung, durchquert sie den Kontinent entlang des Äquators von West nach Ost – und was sie sieht, kann sie nur für Verkommenheit, Elend und Schmutz halten. Vom Körpergeruch der Schwarzen ist sie „buchstäblich angeekelt“. „Hätte nie gedacht, dass die Nase das größte Hindernis brüderlicher Gemeinschaft sein kann.“
Political correctness war Martha Gellhorns Sache nie. Dabei hielt sie als Journalistin mit ihrer Empörung gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit nie hinterm Berg. Während sie den Afrikanern den Gebrauch „billiger Seife“ empfiehlt, wirft sie ihren Landsleuten im Nachkriegs-Amerika im Umgang mit den Schwarzen diskriminierende Selbstgefälligkeit vor. Es war wohl so, wie ihr zeitweiliger Ehemann (und Reisegefährte) Ernest Hemingway einmal sagte: Gellhorn liebt die Menschheit, aber nicht die Menschen.
Die Journalistin beschönigt ihre Ressentiments auch nicht nachträglich. Ein bisschen geht es ihr wie dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss in den „traurigen Tropen“: Wohin sie auch kommt, die westliche Zivilisation war schon da und hat ihr zerstörerisches Werk begonnen. Manchmal sieht Martha Gellhorn diese Zerstörungen und beschreibt in dem ihr eigenen Furor beispielsweise das taktlose Auftreten ihrer amerikanischen Landsleute auf Safari. Ein paar Absätze später gibt sie dann ihrer Sehnsucht nach einem Afrika ohne Afrikaner nach: naturbelassen, aber vollklimatisiert wie eine New Yorker Hotelhalle.
Es macht den kratzbürstigen Charme von Martha Gellhorns Reiseprosa aus, dass sie um ihre Widersprüche weiß. Neben dem maliziösen Blick ist sie auch mit einer robusten Selbstironie ausgestattet. Rückblickend verschweigt sie auch das eigene unbedachte Verhalten keineswegs. Als die sich zur Reportagereise nach China aufmacht, fährt Hemingway mit und beweist auf seine Art und mit seinem handfesten Humor weit mehr Realitätssinn als die Reporterin. Die nämlich ist von einer geradezu dilettantischen politischen Unbedarftheit. Bei Gelegenheit eines Interviews mit Tschou En-lai offenbart sie ihre völlige Unkenntnis des chinesischen Kommunismus.
Nicht minder naiv geht sie ihre Reise 1972 nach Moskau an, um dort Ossip Mandelstams Witwe Nadeshda aufzusuchen. Die Besucherin aus Amerika erwartet von den auf sie angesetzten „Intourist“-Mitarbeitern ein Mindestmaß an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft; was sie indes erlebt, ist die „fröhliche Art und Weise, nicht behilflich zu sein“. Aber die Apparatschiks haben das Organisations- und Subversionstalent der störrischen amerikanischen Lady gehörig unterschätzt.
Die Schriftstellerin Martha Gellhorn versteht es blendend, die groteske Komik auch scheinbar auswegloser Situationen zu erfassen. Dabei versuchte sie mit all ihrer Aufgekratztheit eine Befürchtung niederzuschreiben, die dennoch immer wieder durchklingt: Sie ist eigentlich nur gereist, um der Langeweile zu entkommen. Aber der Überdruss reist mit, er stellt sich ein, wo auch immer sie Station macht. Für die Reisende ist das frustrierend, aber was die Schriftstellerin dann aus ihrem Missvergnügen macht, das ist für den daheimgebliebenen Leser ein Genuss.

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