Eine mysteriöse, albtraumhafte Kurzgeschichte hat die Jury des Stockstädter Literaturwettbewerbs diesmal am meisten überzeugt: „Erdbeerkind“ hat Inka Kleinke-Bialy aus Zell am Harmersbach ihren Beitrag genannt. Eine „ungemein intensive und dichte Erzählung auf psychologischer Basis, sprachlich sehr sicher, dabei zugleich beklemmend und faszinierend in ihrer starken Wirkung durch Bilder im Kopf des Lesers“, so die Wertung des Preisgerichts.
Am Samstagvormittag, bei der Auftaktveranstaltung der 15. Buchmesse im Ried, ist Inka Kleinke-Bialy dafür mit dem ersten Preis belohnt worden. Außer der 50 Jahre alten Schwarzwälderin bewarben sich zehn weitere Autoren erfolgreich um den Literaturpreis der Sparkassen-Stiftung Groß-Gerau. Die Jury, bestehend aus Edna Dimitriou (Darmstadt), René Granacher (Stockstadt), Ralf Schwob (Riedstadt) und Ingo Wintermeyer (Hasselrod), vergab bei den Erwachsenen noch zwei zweite und drei dritte Preise. Zudem drei Förderpreise für Texte, so Jurysprecher Granacher, „deren Autoren wir trotz einiger Abstriche zum Weitermachen ermutigen wollen.“ In der Jugendkategorie gab es zwei weitere Förderpreise. Veröffentlicht sind diese Texte im Siegerbuch ,,Abgehoben“, erschienen im H&T-Verlag Stockstadt.
„Abgehoben“ ist auch das Thema des Wettbewerbs gewesen. Bewusst hätten die Organisatoren einen solch mehrdeutigen Begriff gewählt, der zum Interpretieren und Nachdenken reize, erklärte Granacher. Ein Flugzeug hebe ab, Spielkarten und Deckel würden abgehoben. „Literarische Werke sollten nicht abgehoben sein, aber sie sollen abheben, also in Schwung kommen, statt am Boden kleben zu bleiben“, sagte der Jurysprecher. Und Literatur solle sich abheben von der Masse anderer Geschichten: „Vielen Autoren unseres Wettbewerbs ist das wieder gelungen.“
Bürgermeister Thomas Raschel riet den Wettbewerbsteilnehmern, menschlich nicht abzuheben, sondern auf dem Boden zu bleiben – so, wie auch die Buchmesse im Ried immer bodenständig geblieben sei. Denn was die Beteiligten und Besucher dieser Messe verbinde, sei die hiesige Region. Und die Literatur. „Wirtschaftlich sind die Zeiten für manche schwierig, aber ein gutes Buch weiß man immer zu schätzen“, sagte Raschel.
Granacher betonte, dass die Jury allein die Qualität der Geschichten bewerte. Dabei sei dem Preisgericht der Name des jeweiligen Autors unbekannt. Es spiele also keine Rolle, ob ein Wettbewerber bereits ein etablierter, vielleicht sogar preisgekrönter Literat oder aber ein Debütant sei. „Wir wissen“, erzählte Granacher, „dass so mancher Preisträger unseres Wettbewerbs später eine literarische Karriere begonnen hat.“ Ein solcher, Ralf Schwob, gewann 1997, 2001 und 2003 den ersten Preis – und ist mittlerweile Jurymitglied.
Wer beim Stockstädter Literaturwettbewerb mitmachen möchte, muss nicht nur ein vorgegebenes Thema beachten, sondern in seinen Geschichten auch einen regionalen Bezug herstellen. Diese Vorgabe wird laut Granacher in unterschiedlicher Intensität erfüllt, seien doch nicht alle Teilnehmer Südhessen und mit den Landschaften, Orten und Namen der Region vertraut.
Bedauerlich findet Granacher, dass sich diesmal kaum jugendliche Autoren beteiligten. Es scheine, als gebe es seit Einführung der gymnasialen Schulzeitverkürzung (G8) kaum noch Freiraum für zeitintensive Aktivitäten wie das Erarbeiten einer Geschichte. Besonders den jungen Autoren gab der Jurysprecher einen Rat: „Eine Erzählung lebt unter anderem von stimmigen Details und Beobachtungen. Und die gewinnt man nicht aus der Kunstwelt von Fernsehserien, sondern durch eigenes Erleben und Nachdenken darüber.“ Es sei keineswegs so, dass das eigene Lebensumfeld zu banal, zu langweilig gar für eine spannende Geschichte sei. Im Gegenteil: „Das echte Leben schreibt die besten Geschichten.“
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