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10. August 2010  | Von Holger Schlodder

,,Der Bücherwurm" von Hektor Haarkötter

Kulturgeschichte: Hektor Haarkötter berichtet Wissenswertes und Kurioses über tierische und menschliche Bücherwürmer

 
| Vergrößern | Cover: Primus-Verlag


Seine Liebe zu den Büchern ist verzehrender Art. Was er an Wurmlöchern und -gängen hinterlässt, zeugt jedenfalls von Ausdauer und Appetit. Dieser Parasit ist nicht wählerisch, er frisst sich durch alles, was gedruckt wird, ob trivial oder erlesen; selbst dicke Folianten findet er nicht unverdaulich. Nun ist der Bücherwurm nicht leicht zu fassen - weder zoologisch-systematisch noch schädlingsbekämpfungstechnisch. Bereits Horaz machte sich Sorgen, dass seine Schriften gefräßigen Raupen zum Opfer fallen könnten und empfahl die Imprägnierung mit Zedernöl. Seitdem machen Archivare mehr oder minder erfolgreich Jagd auf die Schädlinge.

Auch klassifikatorisch entzieht sich der Bücherwurm dem leichten Zugriff. Man nimmt an, dass es sich gar nicht um ein Einzelwesen handelt, sondern um die Larven verschiedener Insekten. Gemeinsames Merkmal dieser Milben, Motten und Käfer: sie wirken im Dunkeln, und sie lassen sich nicht unter Laborbedingungen züchten. Sobald ihnen der Widerstand zusammengepresster Buchseiten fehlt, hören sie auf zu fressen. Merkwürdige Tierchen.

Noch merkwürdiger findet der Kölner Journalist und Autor Hektor Haarkötter die metaphorische Karriere des Bücherwurms. Warum konnte ausgerechnet dieser verbissene Feind alles Gedruckten zum Inbegriff des Bücherfreundes werden? Der Wurm hat ja nichts Heroisches, er bewegt sich auf der untersten Stufe der zoologisch-symbolischen Ordnung, darin der Leseratte vergleichbar. Wie sich scheinbar gegen alle Logik die Wurmwerdung des leidenschaftlichen Lesers vollzog, das hat Haarkötter in einem liebevoll gestalteten Buch aus dem Darmstädter Primus-Verlag nachgezeichnet.

Es war Lessing, der den menschlichen Bücherwurm in die Literatur eingeführt hat: in seiner Komödie ,,Der junge Gelehrte", 1748 uraufgeführt. Darin steckt die lesesüchtige Titelfigur sogar beim Essen die Nase in die Bücher und bleibt (im Gegensatz zu seinem Erfinder) auch gänzlich unbeeindruckt von den Reizen einer ihn umgarnenden Schauspielerin - die nennt ihn darob ,,ein Bücherwürmchen".

So also hat sich, durchaus in polemischem Kontext, der Gattungssprung des Bücherwurms vom Tierreich ins Menschenleben vollzogen. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als sich in Deutschland das Ende einer Buchkultur ankündigte, in der ,,die Kenntnis einiger weniger kanonischer Werke ausreichte, um das gesamte Weltwissen sich einzuverleiben". Die Berufung auf die heiligen Schriften der Autoritäten zählt fortan nicht mehr, Experiment und Beobachtung können theoretische Annahmen jederzeit korrigieren. Der aufgeklärte Mensch liest, um sich Informationen anzueignen, um sich zu bilden und moralisch zu stärken. Lesen um des Lesens willen wird eher mit Argwohn betrachtet - als eben jener unproduktive Müßiggang, den man dem menschlichen Bücherwurm unterstellt: ein weltentrückt in seinen Büchern sich verkriechender Stubengelehrter, wie ihn Spitzweg dann später gemalt hat. Dieser Spott haftet dem Bücherwurm bis heute an. Er ist nicht bloß ein leidenschaftlicher Leser und Sammler, bei ihm bewegt sich die Liebe zu den Büchern an der Grenze zur Bibliomanie.
| Vergrößern |
Nahrung für den Bücherwurm. Foto: Manfred Walker / Pixelio.de

Wer sich dennoch nicht daran stört, ein Bücherwurm genannt zu werden, sollte sich Haarköters Buch nicht entgehen lassen. Dieser Streifzug durch die Bibliotheken und ihre menschlichen wie tierischen Bewohner ist amüsant geschrieben und interdisziplinär angelegt, zwischen Kulturwissenschaften und Zoologie. Man lernt zum Beispiel bizarre Paarungsgebräuche gewisser Insekten kennen und erfährt, dass das Verschlingen von Büchern nicht immer nur eine Metapher war: In der Barockzeit wurde mancher unbotmäßige Autor von den Zensoren gezwungen, die Seiten mit den inkriminierten Stellen sich einzuverleiben.

Es geht bei diesem Streifzug durch die Geschichte der Vernichtung von Druckwerken nicht nur um ein paar possierliche Tierchen. Verheerender als die Gefräßigkeit der Bücherwürmer erweist sich für Haarkötter übrigens das Werk zweibeiniger Wüstlinge. Wie sie zum Beispiel im Jahr 2007 an der Katholischen Universität Eichstätt ihr Unwesen trieben: Gut achtzig Tonnen alte Bücher aus den Beständen der bayrischen Kapuziner wurden da aus Rationalisierungsgründen auf den Müll geworfen. Daran hätten Abertausende Bücherwürmer wohl Jahrhunderte zu nagen gehabt.

Trotz solch massiven Nahrungsentzuges macht sich der Autor um die Zukunft des Bücherwurms keine Sorgen. Auch das von Kulturkritikern mit Argwohn betrachtete e-book stellt keine ernsthafte Bedrohung für sie dar. Haarkötter hat schon gewisse Migrationsbewegungen in die Sphäre der elektronischen Medien festgestellt - zumindest solche metaphorischer Art: Es gibt Computerwürmer und -viren, und seit eine Motte (engl. bug) 1947 einen amerikanischen Großrechner lahmlegte, werden Programmierfehler als ,,bugs" bezeichnet.

Vielleicht wird auch dieses amüsante Werk, nachdem es hoffentlich viele Leser gefunden hat, einmal den Weg aller Bücher gehen. Möge ihm nur jene Art von Recycling erspart bleiben, zu der Hermann Hesse zeitweilig griff: Als Buchkritiker entledigte er sich der zahlreichen unverlangt zugesandten Rezensionsexemplare, indem er sie in seinem Garten unter einer Humusschicht begrub - er warf sie sozusagen den Würmern zum Fraße vor.

Hektor Haarkötter: ,,Der Bücherwurm. Vergnügliches für den besonderen Leser". Primus-Verlag, Darmstadt. 144 Seiten, viele Abbildungen, 12,90 Euro.


 
 
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