Aus originellen Mädchen werden exzentrische alte Jungfern. Davon ist Charitys Mutter fest überzeugt. Und deshalb hält sie fast panisch Ausschau nach einem passenden Ehemann für ihre Tochter. Denn Charity Tiddler ist eindeutig originell. Im dritten Stock der elterlichen Villa lebt sie in ihrem ganz eigenen Reich: Zusammen mit dem Kaninchen Peter, einem widerborstigen Raben, etlichen Mäusen und anderem Getier. Ihre Leidenschaft sind die Natur und das Zeichnen.
Wie aus diesem Mädchen eine für das viktorianische England außergewöhnlich selbstständige und erfolgreiche Frau wird, erzählt Marie-Aude Murails Roman – die sehr sensible und fesselnd nacherzählte Lebensgeschichte der Kinderbuchautorin und Illustratorin Beatrix Potter, deren berühmteste Figur wohl der Hase „Peter Rabbit“ ist.
Charity erstickt fast an den strengen Konventionen der englischen High Society. Oberstes Gebot für ein junges Mädchen ist dort, sich so schicklich wie möglich zu verhalten und am besten nicht weiter aufzufallen. Charity aber will lernen und beachtet werden. Sie kann ganze Shakespeare-Werke auswendig rezitieren – und sie zeichnet so gut, dass ein Hauslehrer sie drängt, ihre botanischen Zeichnungen und kleinen Tierbilder zum Verkauf anzubieten. Doch Charitys Eltern legen ihrer Tochter so viele Steine in den Weg, dass sich das Mädchen schließlich resigniert fragt: Was bin ich eigentlich wert?
Marie-Aude Murail: „Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler“. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Verlag S. Fischer, 576 Seiten, 16,95 Euro.
Murail ist es mit ihrer sehr feinen Figurenzeichnung gelungen, eine ganze Epoche wieder lebendig zu machen.

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