Ian Kershaw ist spätestens seit seiner großangelegten Hitler-Biografie sowie dem Band „Wendepunkte“ über Entscheidungssituationen im Zweiten Weltkrieg einer der angesehensten Historiker, die ihren Forschungsschwerpunkt auf das „Dritte Reich“ legen. Der englische Professor versteht es wie nur wenige andere, seine Studien in ebenso lesbaren wie informierenden Büchern einem großen Publikum schmackhaft zu machen. „Das Ende“ beschäftigt sich mit dem „Kampf bis in den Untergang“ im nationalsozialistischen Deutschland der letzten Kriegsmonate.
Gerade mit dem wachsenden Abstand und dem Rückblick über Jahrzehnte erscheint es vielen heute immer rätselhafter, warum die übergroße Mehrheit der Deutschen bis in die letzten Tage des Krieges dem Hitler-System treu blieben, ohne sich massiv zur Wehr zu setzen. Zu einem Zeitpunkt, da Hitler selbst erkannt hatte, dass der Krieg verloren war und daraus gemäß seiner eigenen Rassentheorie unter anderem äußerte, das deutsche Volk habe sich als das schwächere erwiesen und sei eben deshalb dem Untergang geweiht, wüteten draußen bis zum letzten Tag seine Standgerichte gegen die vereinzelten „Defätisten“, die am Endsieg zweifelten.
Schon nach dem Scheitern der Ardennenoffensive Ende 1944 hatte Hitler gesagt: „Wir kapitulieren nicht, niemals. Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen.“ Dazu passten seine „Verbrannte-Erde-Befehle“, die glücklicherweise nicht immer befolgt worden waren: Wie wäre unser Verhältnis zu den Franzosen nach dem Krieg geworden, wenn Hitlers Befehl, Paris beim Abzug zu zerstören, befolgt worden wäre?
Ian Kershaw: „Das Ende“. Aus dem Englischen von Klaus Binder, Bernd Leineweber, Martin Pfeiffer. Deutsche Verlagsanstalt, 704 Seiten, 29,99 Euro. Als Hörbuch beim Hörverlag erschienen, rund 200 Minuten, 24,99 Euro.
Insgesamt aber liefert Kershaws Studie erdrückende Belege für die fast blinde Hörigkeit gerade auch der Wehrmachtsspitze gegenüber ihrem Führer. Der Blindheit und dem Fanatismus bis zum Schluss auf Seiten der Wehrmachtsgeneräle entsprach die totale Gefolgschaft in der Partei: Nach dem 20. Juli 1944 waren in beiden Organisationen keine Abweichler mehr aktiv.
Doch auch der einfachen Bevölkerung stellen die eindrücklichen Forschungsergebnisse Kershaws in der Breite kein gutes Zeugnis aus. Allerdings stellt der Historiker klar heraus, dass jeder, der sich nicht bis zuletzt total unterworfen hat, hohe Risiken in Kauf nahm. Hinzu kam die Angst, die im Rahmen des im Osten praktizierten Vernichtungskrieges verübten Kriegsverbrechen – von denen praktisch alle wussten – würden auf die Deutschen zurückfallen. Die Rote Armee tat alles, um diese Angst noch zu steigern.
Dieses Buch liest sich dank der klaren Sprache und der überzeugend belegten Ergebnisse des Autors fließend, seinen Darlegungen folgt man gespannt. Angesichts der Opferzahlen zwischen dem Juli 1944 und dem April 1945 – mehr tote Zivilisten als in den vier Kriegsjahr zuvor, und bei den Soldaten sah das Verhältnis kaum besser aus – ertappt man sich bei dem Gedanken, was denn passiert wäre, hätten die Putschisten des 20. Juli Erfolg gehabt. Trotz der totalen Niederlage spielte der Nazismus gerade bei den Überlebenden aus Partei und Wehrmacht noch eine verklärte Rolle in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Es dauerte lange, bis der Widerstand gegen Hitler nicht mehr als Verrat am Volk eingeschätzt und stattdessen allgemein anerkannt worden ist. Man möchte gar nicht darüber nachsinnen, welche Chance eine auf Grund- und Menschenrechten gebaute Demokratie und eine offene, tolerante Gesellschaft nach einem Friedensschluss mit den Alliierten vor einer totalen Niederlage der alten Eliten gehabt hätten.
Zu diesem Buch bildet ein CD-Set aus dem Hörverlag eine gute Ergänzung. Neben Passagen aus dem Buch und Kommentaren des Autors bietet es allen Lesern weitere Informationen und teilweise bedrückende Original-Hördokumente. So ist in den Schallarchiven zum Beispiel Hitlers letzte Rundfunkrede aus dem Januar 45 gefunden worden. Auch der unumgängliche Widerling Goebbels ist vertreten. Diese und andere Originaltöne kriechen unter die Haut: dramatische Szenen einer Katastrophe, die von Deutschen ausgegangen war und die zum Schluss mit voller Wucht zu ihnen zurückgekehrt ist.

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