Hörspielbearbeitungen seiner Romane hätten Charles Dickens ganz bestimmt gut gefallen, war er doch auf seinen zahlreichen eigenen Leseabenden nach allem, was überliefert ist, ein offensichtlich begnadeter Interpret seiner Texte, der sich bis an den Rand der Erschöpfung verausgabte und sein Publikum in Trance und Verzückung versetzte. Diese Lese-Touren führten den Autor bis in die USA: Charles Dickens war – und ist – ein Weltstar der Literatur, sein Werk gehört mit hohen dreistelligen Millionenauflagen in vielen Sprachen und unzähligen Verfilmungen zu den erfolgreichsten der Weltliteratur überhaupt.
Das war Dickens keineswegs in die Wiege gelegt, ganz im Gegenteil: Sein Vater kam im London des frühen 19. Jahrhunderts ins Schuldgefängnis, infolge dessen musste der kleine Charles in einer Schuhcremefabrik unter den damals üblichen sklavenähnlichen Bedingungen Kinderarbeit verrichten. Umso erstaunlicher war es, dass er schon Mitte zwanzig eine für seine Zeit einmalige Karriere startete, die ihn bei seinem Schlaganfall-Tod am 9. Juni 1870 nach heutigen Maßstäben zum zweistelligen Millionär gemacht hat.
Charles Dickens hatte in seinem eigenen Leben das geschafft, was er mit dem ersten Satz aus „David Copperfield“ als Zentrum seines Werkes und seines Lebens formuliert hatte: „Ob ich mich in diesem Buch zum Helden meines eigenen Lebens entwickeln werde oder ob jemand anders diese Stelle ausführen soll, wird sich zeigen.“ Um diese Frage geht es für die Hauptfiguren in fast allen seiner Romane, um sie drehte sich lange auch Dickens’ eigenes Leben. Man kann sagen, dass er seine persönlichen Ziele nicht nur wegen seiner sagenhaften schriftstellerischen Produktivität souverän erreicht hat. Auch sein Privatleben kann als erfüllt bezeichnet werden, nicht nur, weil er mit seiner großen Familie (mit seiner Ehefrau Catherine hatte er zehn Kinder) das Leben führen konnte, das ihm selbst als Kind vorenthalten wurde.
„Charles Dickens – Die große Hörspiel-Edition.“ „Oliver Twist“, „David Copperfield“, „Große Erwartungen“. Hörverlag, neun CDs, 595 Minuten, 29,99 Euro.
Umso kurioser ist es, dass in der Hörspielversion „David Copperfield“ des Hessischen Rundfunks ausgerechnet der für Dickens’ Werk und Leben so zentrale erste Satz gestrichen worden ist. Doch das ist das einzige Manko, das man dieser Produktion ankreiden muss, in der die Geschichte des David Copperfield ansonsten kongenial und lebhaft in Hörspielform übertragen worden ist. Dazu tragen – wie auch bei den beiden anderen Aufnahmen – nicht zuletzt die markanten Sprecher bei, zu denen unter anderem Ulrich Noethen, Dietmar Mues, Walter Renneisen, Gerd Baltus, Helmut Zhuber, Ulrich Mattschoss und Helmut Zierl sowie die Schauspielerinnen Susanne Lothar, Witta Pohl und Sunnyi Melles gehören.
Alle drei Hörspiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Atmosphäre des viktorianischen England genauso eingefangen haben wie die gesellschaftlichen und menschlichen Seiten des Lebens in dieser Zeit. Dickens hat ja mit seinen Büchern die Missstände der Gesellschaft in grelles Licht gesetzt und doch immer wieder gezeigt, wie man sich – meist mit sehr viel Glück wie beispielsweise unverhofften Erbschaften – gegen diese Widrigkeiten auch als kleiner, einzelner, eigentlich verlorener Mensch behaupten kann. Diese Triumphe des benachteiligten Individuums haben seine Werke so populär gemacht, sie prägen auch diese Hörspiele, in denen man beim Zuhören ganz dicht an Dickens’ Figuren herangeführt wird und auch deshalb erkennt, wie aktuell vieles von dem, was hier zu hören ist, leider immer noch ist.


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