,,Alix, Anton und die anderen" von Katharina Hacker
Geschichte einer Berliner Clique: Der Beginn ihres großen Roman-Projekts hat Katharina Hacker und Suhrkamp entzweit
Dieser Band hat ein leicht vergrößertes Format, das wirkt, hier wolle ein Buch schon äußerlich auf sich aufmerksam machen, aus dem Stapel der Neuerscheinungen herausragen. Eigentlich hätte Katharina Hacker so etwas nicht nötig, hat sie doch mit ,,Die Habenichtse" 2006 den Deutschen Buchpreis gewonnen, was ihrem Nachfolgeroman Aufmerksamkeit genug garantiert. Doch man merkt schon auf den ersten Seiten, dass das Format ihres neuen Romans ,,Alix, Anton und die anderen" einer ästhetischen Konzeption geschuldet ist. Denn Katharina Hacker geht mit ihrem auf mehrere Bände angelegten neuen Projekt ungewöhnliche Wege: sie erzählt auf zwei strikt voneinander getrennten Ebenen, die die Leser aber bitteschön doch parallel zur Kenntnis nehmen sollen. Daher finden sich diese beiden Ebenen über weite Strecken dieses Romans in zwei Spalten nebeneinander gedruckt. Auf ihrer Internetseite erklärt die Autorin, sie halte diesen Roman ,,im Kern für mein wichtigstes Buch, weil ich eine Form gefunden habe, die mir für das, was mich beschäftigt, einleuchtet." Außerdem kann man lesen, dass es zwischen Verlag und Autorin auch wegen dieser Form zum Zerwürfnis gekommen ist. Die weiteren Bände dieses Projekts werden daher bei S. Fischer erscheinen.All das kann den Lesern nebensächlich bleiben. Ihnen kommt es auf das Buch an. Dabei erweist sich die Doppel-Lektüre - links der eine Erzählstrang, rechts der andere - als wenig leserfreundlich. Beim beständigen Hin- und Herblättern kommt ein harmonischer Leseeindruck nur sehr schwer zustande, weil man permanent damit beschäftigt ist, auf dem einen wie dem anderen Strang den Anschluss zu wahren, das eine mit dem anderen in Verbindung zu setzen, aufeinander zu beziehen und miteinander zu vergleichen. Vielleicht würde dieses Experiment mehr überzeugen, wenn man erkennen könnte, welcher inhaltlichen oder inneren ästhetischen Logik dieses prosaische Doppelgleis geschuldet ist. Doch das bleibt offen, denn als Leser kommt einem schnell der Gedanke, man könne das Geschehen viel angenehmer anstatt nebeneinander auch untereinander verfolgen.Hacker zeichnet einen breit angelegten, bunten Bilderbogen über das Leben mindestens einer Generation (der heute Mittvierziger) im neuen Berlin. Hauptfiguren sind eben jene Alix, Anton und ziemlich viele andere, die teilweise zu einer Familie, zu einer lang zusammenlebenden oder doch zumindest einigermaßen zusammenhaltenden Clique gehören. Sie können bereits auf ein gutes Stück Leben zurückschauen und erleben an den Eltern von Alix, wie ihre nächsten Jahrzehnte aussehen könnten - oder auch, was sie anders als diese machen wollten und wollen. Dabei geht es nicht unbedingt darum, sich von diesen abzusetzen. Immerhin haben Heinrich und Clara etwas geschafft, woran die meisten unter den Freunden schon weitgehend gescheitert sind: eine trotz einiger Schicksalsschläge offensichtlich dauerhafte Partnerschaft. Das allerdings heißt nicht, dass nicht auch die noch gefährdet werden könne: Genau das passiert, als die Clique das übliche Sonntagsritual mit dem Essen bei den Senioren, die am Berliner Schlachtensee einen großzügigen Haushalt führen, unterbrechen und stattdessen ein vietnamesisches Restaurant aufsuchen. Die dort aktive Wirtin hat es Heinrich angetan, woraus sich einige Verstrickungen ergeben. Die Jüngeren sind dagegen in ihren Beziehungen meist erst gar nicht so weit gekommen, natürlich auch nicht der homosexuelle Buchhändler Bernd. Eigentlich sind sie seit ihrer Jugend beständig auf der Suche nach dem Glück - offensichtlich ohne Chance, es auch nur zeitweise erhaschen zu können. Im Gegenteil: gegenwärtiger als Glück ist die Bedrohung mit Unglück; sogar der Tod ist nicht nur wegen des ertrunkenen Kindes gegenwärtiger. Von der Clique kann aus den unterschiedlichsten Gründen niemand Nachwuchs vorweisen - liegt hier eine der Ursachen für ihr Leben am psychischen Abgrund? Offensichtlich zielt Katharina Hackers Projekt auf die Untersuchung dessen, woher all diese Beschädigungen im Leben der jüngeren und älteren Berliner Mittelschichtler und weiterer Hauptstädter kommen, wie sie sich weiterentwickeln und welche Konsequenzen das alles auf die Menschen und ihre Stadt, die Gesellschaft, vielleicht sogar das ganze Land hat. Wenn sie die Leser auf diese lang angelegte Reise mitnehmen will, wird sie sich inhaltlich steigern; und auch eine ästhetische Veränderung ihres Konzepts kann man ihr nur anraten.Katharina Hacker: ,,Alix, Anton und die anderen". Suhrkamp-Verlag, 126 Seiten, 19,80 Euro.
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