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04. November 2011 Von annette Krämer-Alig

Wechselspiel der Dimensionen

Ausstellung: Die Präsentation „Linie und Skulptur im Dialog“ bringt Meisterwerke der Moderne in die Opelvillen

| Vergrößern | Alberto Giacomettis Büste „Annette VI“ aus dem Jahr 1962 ist einer der Höhepunkte der neuen Ausstellung in den Opelvillen. Foto: Opelvillen
RÜSSELSHEIM. 


August Rodin (1840–1917) hat das wohl bekannteste Kunstwerk der neue Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen geschaffen: Seine Bronzeplastik „Das ewige Idol“ gehört zu den Marksteinen dieses Meisters auf dem Weg in die Moderne. Rodin selbst könnte aber auch den Leifaden für diese Ausstellung gesponnen haben. Denn er variierte die Größe ein und derselben Bronze oft mehrmals, vergrößerte oder verkleinerte dieselbe Figur für verschiedene künstlerische Zwecke maßstabsgetreu. Größe hatte für den Meister an der Wende zur Moderne nichts mit der Menge verbrauchten Raums zu tun.
Schöner, aber begrenzter Raum: Mit dieser Vorgabe muss Beate Kemfert als Kuratorin der Ausstellungen in den Opelvillen bei jeder Schau umgehen. Deshalb scheint es beim bloßen Hören der vielen großen Namen unausweichlich, dass es eng werden muss in den Opelvillen-Salons, wenn sie neben Malerei und Grafiken von Jean Arp, László Moholy-Nagy, Joan Miró, Juan Gris, Le Corbusier, Max Ernst, René Magritte, Jean-François Millet und Eduardo Paolozzi auch Plastiken zeigen will. Rodin, Giacometti, Lipchitz und Henry Moore: Das sind Namen, die unwillkürlich an viel Raumverbrauch denken lassen.

Wann und wo

Die Schau in den Rüsselsheimer Opelvillen (Ludwig-Dörfler-Allee 9) ist bis 5. Februar 2012 jeweils mittwochs und donnerstags von 10 bis 21 Uhr sowie freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen; am Eröffnungssonntag (6.) ist ab 13 Uhr geöffnet. Das Begleitprogramm findet sich im Internet unter www.opelvillen.de Der Katalog kostet in der Ausstellung 19,90 und im Buchhandel 24,90 Euro.


Doch es geht eben auch anders. Beate Kemfert hat aus vielen Hunderten möglicher Werke der großen Sammlung Kasser/Mochary Family Foundation nur 50 ausgewählt und beweist durch ihre geschickte Inszenierung, dass jeder der Großen auch im kleinen Maßstab Exzellenz geschaffen hat. Die Kuratorin hat den Vollplastiken in den dunklen, aber jeweils auf den Punkt raffiniert ausgeleuchteten Salon-Sälen das Zentrum eingeräumt. Sie erweist Rodin und Giacometti die Ehre, indem deren Arbeiten den Blick durch ihre Stellung im Raum sozusagen anziehen, sorgt aber auch für spannende Überraschungen, wenn in diesen Zentren Bronzen stehen, die man mit einem Malernamen verbindet wie Edgar Degas. Der Betrachter lernt dabei nicht durch eine Beischrift, sondern durch bloßen Augenschein: Die künstlerische „Handschrift“ auf der rund vierzig Zentimeter hohen, stehenden „Schwangeren“ ist dieselbe wie bei den Balletttänzerinnen auf Degas' Bildern.
Auch Gauguins Relief einer Südsee-Frau in einem anderen Saal lässt sich direkt verbinden mit dessen bekannten Bildern aus der idyllischen Ferne. Dabei nähern sich in beiden Fällen Zwei- und Dreidimensionälität aber nicht nur thematisch an. Degas wie Gauguin demonstrieren in ihrer Formensprache „Linie und Skulptur im Dialog“, so der Ausstellungstitel. Es ist ein spannendes Zwiegespräch, in dem mit der Grenze zwischen Fläche und Raum in der Moderne auch scheinbar unverrückbare Pole angenähert wurden.
„Es waren vor allem Maler und Zeichner wie Matisse, Gauguin oder Derain, die mit ihren plastischen Werken entscheidende Neuerungen für die moderne Skulptur gebracht haben“, schreibt die Kuratorin, und der Gang durch die Säle bestätigt dies. Die markanten Schraffuren der Zeichnungen spiegeln sich in den Oberflächen der Skulpturen, die Auflösung des „Gegenständlichen“ auf den Bildern wird zur Konzentration auf das Wesentliche bei den Körpern. Wer um das „Ewige Idol“ herumgeht, findet immer neue Sichtachsen, die abstrahierenden Bildern entlehnt sein könnten, wer die „Tanzende mit Schleier“ von Lipchitz auch als Summe von Flächen betrachtet, kann die nähe zu Mirós Grafik „Hommage a Rimbaud“ fast erfühlen.
„Linie und Skulptur im Dialog“ ist die dritte Ausstellung zum Thema „Linie“ im Jubiläumsjahr der Opelvillen, die als Ausstellungsort seit zehn Jahren bestehen, und es ist erneut eine Präsentation, die zeigt, wie eine präzise inhaltliche Vorgabe fehlende Wand- oder Bodenquadratmeter ersetzen kann.

 
 


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