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07. Oktober 2011  | Von Roland Held

Spurensuche mit Nadel und Faden

Ausstellung: Übernähte Fotografien von Katharina Sommer in Zwingenberg

ZWINGENBERG. 

Wann und Wo

Bis 23. Oktober in der Remise am Alten Amtsgericht, Zwingenberg: Samstag 14 bis 17 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr. Es gibt mehrere Postkarten-Sätze.




Vor Katharina Sommers Fadenzeichnungen dämmert es einem, dass auch eine Zeit von vor nur zwei, drei Generationen so unwiderruflich vergangen ist wie das Mittelalter. Grundlage der Arbeiten nämlich sind alte Fotografien, gefunden im Familienalbum oder aus dem Freundeskreis zugespielt. Jetzt vergrößert und entsprechend verschwommen auf feingewirktes Leinen gedruckt, werden sie von der Künstlerin durch minimale Eingriffe mit Nadel und farbigem Faden verändert und verfremdet.

Man könnte auch sagen: Ein Potenzial wird geweckt, das in den Fotos schlummerte. Ins motivische Umfeld eines vorwiegend bäuerlich frugalen Lebens passen die Aufnahmen, die Sommers Mutter als Mädchen, beim Arbeitsdienst um 1940 zeigen. In Rot aufgestickt sind die Broschen, die drei untergehakte Frauen am Kragen ihrer Schürzenkittel tragen. Sie werfen einen gemeinsamen Schatten, schwarz gesäumt – was daran erinnert, dass das sorgenfreie Arbeiten an der frischen Luft vorm Hintergrund der politischen Ereignisse Illusion war.
Im Foto-Ausschnitt, der sich ganz auf die Ebene der Arme konzentriert, versinnbildlicht ein mäandernder goldener Faden offenbar das Band der Freundschaft zwischen den Dreien. Ein großes, rosig-sepia getöntes Leintuch zeigt die Mutter als Schnitterin auf einer Wiese. Ob heitere, ob – wie überwiegend – melancholische Aufnahmen, allen eignet etwas Märchenhaftes, Volksfrommes, zumindest wie aus unvordenklichen Tagen Erzähltes.
Die Spurensuche in der Vergangenheit ist für Katharina Sommer nicht nur Passion: Im Brotberuf betreibt sie eine psychotherapeutische Praxis in Darmstadt. Über Psychodrama, Gestalttherapie und Maskenspiel hat sie zu Performances gefunden und zu selbstgefertigten Objekten, die sie in letzteren einsetzt. Seit vier Jahren übernäht sie Fotografien, stößt mit einfachen Mitteln Gefühls- und Denkprozesse an.
In der Zwingenberger Schau verlässt sie erstmals den Kontext der privaten Quellen, die „Bilder aus meiner Vorbiografie“. Entsprechend greifen die Assoziationen aus, wenn man meint, in der Dreierserie „Im Fluss“, „Von Faden gehalten“ und „Leben und Sterben“ flaue, gleichwohl authentische Kamera-Dokumente vor sich zu haben. Etwa die Land-unter-Situation einer Flutkatastrophe, wo Boote mit rotbezwirnten Bordwänden als Retter in der Not erscheinen.
Zwar horcht man auf, wenn man am Ende von der Künstlerin erfährt, dass es sich bei ihren Fadenträgern nicht um Reportagematerial handelt, sondern um Filmstills aus Andrej Tarkowskijs Klassiker „Andrej Rubljow“. Zwingend nötig ist der Hinweis nicht. Von Katharina Sommers Faden gehalten und somit auf sicheren Füßen, bewegt sich auch die Fantasie des Betrachters.

 
 
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