Das starrende Gebiss eines Blauhais empfängt die Besucher: Mit weit aufgerissenem Rachen hängt das Tier in der ersten Glasvitrine der Wanderausstellung „Körperwelten der Tiere“, die das Senckenberg-Museum in Frankfurt bis Mitte März in der Wolfgang-Steubing-Halle zeigt. Auf den ersten Blick sieht der Hai komplett aus. Erst bei genauerem Hinsehen merkt der Besucher, dass er dem Tier unter die abgezogene Haut blickt.
Wie schon die Ausstellung „Körperwelten“, in der präparierte Menschen gezeigt wurden, sind die „Körperwelten der Tiere“ ein Projekt des Anatomen Gunther von Hagens. Mittels eines von ihm entwickelten Konservierungsverfahrens, der Plastination, können Lebewesen haltbar gemacht werden, indem ihre Zellflüssigkeit durch Kunststoff ersetzt wird. Zwanzig solcher Ganzkörperplastinate und rund 100 Einzelpräparate sind in Frankfurt auf rund 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche zu sehen.
Im Gegensatz zu den umstrittenen „Körperwelten“, in denen plastinierte Leichen etwa beim Sport oder beim Liebesakt gezeigt wurden, konzentriert sich die neue Ausstellung auf das Wesentliche: die Anatomie der Tiere in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen. Vom Vogel Strauß wird beispielsweise das blanke Skelett ebenso gezeigt wie der Muskelapparat.
Manche Präparate demonstrieren die „Gefäßgestalt“ eines Tieres, also den Verlauf aller Blutbahnen im Leib. Aus den Ohren eines Kaninchens wird so ein filigranes Netzwerk roter Linien. Ein Pferdekopf, bei dem noch die feinsten Hautkapillaren präpariert wurden, wirkt einfach nur wie in rote Farbe getaucht: So dicht verästelt ist der Blutkreislauf des Tieres.
Auch die millimeterdünnen Scheibenplastinate erscheinen auf den ersten Blick weniger als ein echtes Präparat denn als detaillierte Zeichnung vom Querschnitt des Tierkörpers. Die verblüffenden Ansichten lassen Ekelgefühle gar nicht erst aufkommen: Stattdessen stehen die Besucher staunend vor den unerwarteten Bildern aus dem Inneren des tierischen Körpers.
Ausstellung: „Körperwelten der Tiere“ in Frankfurt: Der tiefe Blick unter die Haut
Anatomie: Gunther von Hagens’ Ausstellung „Körperwelten der Tiere“ gastiert im Senckenberg-Museum in Frankfurt
FRANKFURT.
Die größten Präparate sind am Ende des Rundgangs versammelt: Im letzten Raum stehen Kamel, Giraffe und Gorilla sowie im Zentrum die indische Elefantenkuh „Samba“, deren Plastination den eigentlichen Ausschlag für das Entstehen der Ausstellung gab.
Die Elefantendame lebte bis 2005 im Neunkircher Zoo im Saarland. Nach ihrem Tod infolge einer Herz-Kreislauf-Schwäche stand Zoodirektor Norbert Fritsch vor der Aufgabe, den gewaltigen Körper zu entsorgen, berichtet „Körperwelten“-Kuratorin Angelina Whalley. Statt ihn zum Abdecker zu geben, entschloss sich Fritsch, ihn von Hagens zur Verfügung zu stellen.
„Vorher haben wir unsere Tierpräparate in den Ausstellungen zu Vergleichszwecken parallel zu den menschlichen Plastinaten gezeigt“, erklärt Whalley. Mit „Samba“ als Paradestück entstand aber die Idee, eine eigene Tierschau zusammenzustellen. Im Jahr 2010 hatte sie ihre Premiere in Neunkirchen und war seither in Mannheim, Wien und Köln zu sehen.
In keinem anderen deutschen Museum, so die Kuratorin, werde die Artenvielfalt der Tiere aber so umfassend vermittelt wie bei Senckenberg. Für die Wanderausstellung sei dort daher ein idealer Standort gefunden. Aber wie gut passt die Schau zu dem renommierten Museum? Von Hagens vorige Ausstellungen waren schließlich umstritten – nicht nur wegen der Art, auf die er einige Plastinate drapierte, sondern auch, weil kritische Stimmen die Herkunft der verwendeten Leichen in Zweifel zogen.
Wann und Wo
„Körperwelten der Tiere“ bis 15. März 2012 im Senckenberg-Museum Frankfurt (Senckenberganlage 25). Öffnungszeiten: montags, dienstags, donnerstags und freitags 9 bis 17 Uhr, mittwochs von 9 bis 20 Uhr, samstags, sonn- und feiertags 9 bis 18 Uhr. Informationen auch im Internet unter www.senckenberg.de und www.koerperweltendertiere.de.
Dennoch, bekräftigt Sören Dürr vom Senckenberg-Museum, habe man keine Bedenken gehabt, die Ausstellung zu sich zu holen: „Jedenfalls nicht mehr, nachdem wir sie uns angesehen haben.“ Denn die Tierplastinate wirkten nicht inszeniert. Sie böten stattdessen die Möglichkeit, die Funktionen und Bauteile des Körpers mit eigenen Augen kennenzulernen. Zudem ist die Herkunft der Tierkörper nachvollziehbar: Lediglich die Kleintiere wie Lämmer und Kaninchen stammen laut Whalley aus Schlachtereien. Alle anderen seien natürlich verstorbene Zootiere.
Der Gorilla in der letzten Vitrine der Ausstellung verbrachte sein Leben im Zoo von Hannover. Ihm gegenüber steht der einzige Mensch in den „Körperwelten der Tiere“. Der hält sich ein Mobiltelefon an sein von Haut entblößtes Ohr: Die einzige Inszenierung, die es wahrlich nicht gebraucht hätte.
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