Ein Sprichwort rät davon ab, böse Geister zu wecken. Maler und Bildhauer tun genau dies jedoch spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder gern. Denn eine Folge der Gräueltaten im Nachgang der Französischen Revolution war der künstlerische Schauder vor dem wohl unabwendbaren Bösen. War man zuvor der Aufklärung und ihrer Hoffnung auf ein Wachsen des Guten in der Welt durch mehr Wissen aufgesessen, ging es nun auf die Suche im eigenen Seelenhaushalt – was nicht nur zur zarten, blauen Blume romantischer Innerlichkeit führte, sondern auch zu deren Gegenbild. Die Künstler blickten in sich und fanden dort Abgründe: dunkel, geheimnisvoll, oft böse.
Über 200 Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und auch Filmsequenzen dieser „schwarzen Romantik“ sind im Städel zu erleben, wobei der Begriff Romantik jenseits des tradierten Epochenbegriffs als „Geisteshaltung“ weit gefasst wurde. Vom frühen 19. Jahrhundert zieht sich der Weg des dunklen Ich bis zum Symbolismus und Surrealismus des 20. Jahrhunderts, wobei Rückbezüge immer wieder deutlich werden. Die ebenfalls tradierte deutsche Landesgrenze der Romantik wurde nach Frankreich hin geöffnet.
Zwei Künstler haben der Kunstrichtung ihre Sprache früh gegeben und sind beide in Frankfurt zur Freude des Betrachters auch reich vertreten. Johann Heinrich Füssli (1741–1825) vereinte in seinem „Nachtmahr“ von 1790 die dahingesunkene erotische Schöne im unschuldig-weißen Kleid mit einem Dämon und einem lüsternen Pferd. Der Kampf Gut gegen Böse scheint bevorzustehen – und zumindest im künstlerischen Albtraum bleibt das Ende dabei offen. Francisco de Goya (1746–1828) vereint in seinen Radierungen und Ölbildern Realität alltäglicher Brutalitäten im Spanien unter Napoleon mit visionären Schrecklichkeiten. „Ecce homo“, das meint bei ihm: „Schau Mensch, was Du anrichtest“. Wenn sich bei Goya zwei nackte Hexen auf ihrem Besen in die Lüfte schwingen, steckt auch der – vergeblich – mahnende Finger dahinter, der auf das Übel der ganz irdischen Hurerei verweist.
Ab heute (26.) bis 20. Januar 2013 im Frankfurter Städel: dienstags bis sonntags von 10 bis
18 Uhr, mittwochs und donnerstags auch bis 21 Uhr geöffnet.
Schon bei diesen beiden Künstlern wird ein ikonografisches Repertoire entwickelt, das sich durch die Säle bis in die berühmten alten Schauer-Filme zieht, die der Kurator zu den noch älteren Bildern gestellt hat. Egal, ob „Frankenstein“ oder Goya: Körper scheinen entrückt, oder sie wurden hingemetzelt, vermeintlich Sicheres wie der antike Tempel wird zur Ruine, Nebel wabern, Vollmonde stehen bleich am Himmel, die Sonne geht glutrot wie in Flammen unter, Tod und Teufel kommen als hämisch grinsendes Skelett oder unheilvoller Bote daher, und die Natur wird ebenso zum dunklen Rätsel wie die Religion, die ihre Trostfunktion eingebüßt hat. Die Gefühlsskala kennt nur Extreme in den Bildern wie in den wenigen Plastiken: den Aufschrei oder das Schweigen.
Der Kurator Felix Krämer beweist bei der Auswahl des Gezeigten durchweg sichere Hand, wenn er zwischen die Werke der Berühmten Bilder von Malern hängt, die heute zumindest in Deutschland keiner mehr kennt. Eugène Delacroix’ (1798–1863) Lust an der schillernden Faust-Mephisto-Beziehung, die dieser Künstler in mehreren Grafiken ausgelebt hat, ist vielen ein Begriff. Doch zur französischen Romantik gehört auch das Gemälde „Hunger, Wahnsinn und Verbrechen“ des unbekannten Antoine Joseph Wiertz (1806–1865). Sein Bild einer irren Kindsmörderin weckt die innere Abwehr der vermeintlich Normalen den Geisteskrankheiten gegenüber und bringt sie auf den unheimlichen Punkt, dass doch vertraut scheint, was man erblickt.
Wer Wahnsinn oder Tod ins Gesicht schaut, entdeckt sich selbst darin – eine künstlerische Beobachtung, die im Symbolismus breit entwickelt wurde. Odilon Redons (1840–1916) „Geschlossene Augen“ erinnern an tradierte Jesus-Bilder, doch sie könnten auch in der Totenhalle entstanden oder im Traum vorbeigeglitten sein. Und Franz von Stucks (1863–1928) geheimnisvolle „Eva“ zieht den Betrachter wie magisch in gemalte Tiefen, obwohl er sieht, dass dort vor allem die Schlange wartet.Was dann? Die Surrealisten haben Sigmund Freud gelesen, und ihr eigenes Süppchen des Unabhängig-Machens von bewussten Wirklichkeiten daraus gekocht. René Magritte (1898–1967) negiert diese einfach durch Kombination des Nicht-Kombinierbarens, Hans Bellmer (1902–1975) versteckt unzählige Porträts der eigenen Geliebten in seiner exakten Zeichnung „Nora“: Diese Frau durchzieht so als echtes Nachtmahr das kleine Blatt.
Bleibt der Großmeister der heimischen Romantik. In einer Rotunde wird Caspar David Friedrich und dessen vielleicht typisch deutsche Reaktion auf das Grauen gefeiert. Bei Friedrich wird nicht geschrien, sondern bedeutungsvoll geschwiegen, wenn er die Natur in Meeres- oder Friedhofsansichten zum Spiegel der Seele macht.

Merken
|














