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Marie Marcks: Karikaturen für eine aufgeklärte Welt

Das Frankfurter Museum für komische Kunst würdigt Marie Marcks zu ihrem 90. Geburtstag

Marie Marcks. Foto: Britta Frenz
Sie gilt als satirische Chronistin mit dem Zeichenstift: Die Karikaturistin Marie Marcks, die am 25. August 90 wird, steht im Mittelpunkt einer umfangreichen Ausstellung im Frankfurter Caricatura-Museum für komische Kunst.
FRANKFURT.
Erziehung im postfeministischen Zeitalter: Zeichnung von 1994. Foto: Museum, Copyright: Marie Marcks

Der Krieg war erst ein paar Jahre vorbei. Aber in Heidelberg verstand man zu feiern. Und man traf sich nicht einfach nur zum Trinken oder Tanzen, ein Motto musste es schon sein – ob es nun Großwildjagd lautete oder, durchaus anzüglich, mit der Überschrift „ein Ra-Käthchen zum Bemannen“ an die Fortschritte der Raumfahrttechnik anknüpfte. Die vorwegnehmende Inszenierung auf Plakaten und Einladungen entwarf Marie Marcks, die nach dem Achitekturstudium in Berlin und Stuttgart in Heidelberg gelandet war. Mit viel Fantasie mag man im Aufbau ihrer Grafiken einen Nachklang des Entwerfens erkennen. Aber mehr noch zeigt sich, dass Marie Marcks ein Zeichentalent besaß, das sich mit erheblicher Raffinesse die Designmode der Zeit anverwandelte.
Die Plakatkunst war nur das Vorspiel für die spätere Karriere, die Marie Marcks zur ersten und bekanntesten Karikaturistin der Bundesrepublik machte. Von 1963 kommentierte sie in ihren Zeichnungen jene Themen, von denen die Menschen bewegt wurden oder nach Ansicht der Künstlerin bewegt werden sollten. Denn Marie Marcks war ihrer Zeit immer voraus – ob es Umwelt- und Naturschutzsorgen waren oder die Frauenfrage, ob es sich um die Entdeckung der Kinderrechte durch die Pädagogik handelte oder das Überleben in einer zunehmend menschenfeindlichen Umgebung. Und weil ihre Bilder überraschende Formulierungen für einfache Erkenntnisse fanden, wirken viele von ihnen bis heute so unverbraucht. Den Ehemann, der über den Zeitungsrand hinweg seiner sich abzappelnden Frau ein „Gibt’s noch was zu helfen?“ zuruft, könnte man im Goldrahmen wahrscheinlich in die meisten Wohnzimmer hängen.
Aber ob es sich um die Alltagsbegebenheit, die politische Karikatur oder das satirische Wimmel-Panorama handelt, das Marie Marcks in der Nähe ihrer fast dreißig Jahre jüngeren Kollegin Franziska Becker zeigt: Immer ist es ein menschenfreundlicher Witz, der vom Betrachter zwar Haltung einfordert, aber nie zur Belehrung ansetzt. Nicht alle Blätter sind gleich gut gelungen; eine Zeichnung von 1985, die in einem etwas gequälten Wortspiel vor dem Logo des Chemieriesen Grenzwert und Hoechstwert zusammenbringt, wurde von der Süddeutschen Zeitung, deren Stammzeichnerin Marcks über Jahrzehnte war, wohl zu Recht abgelehnt. Andere Kritik hingegen fiel eher auf den Kritiker zurück. Für das saarländische Frauenministerium schuf Marie Marcks 1994 ein Kalenderblatt, auf dem Atlas die Erdkugel schleppt. „Mann, roll doch das Ding“, empfiehlt eine pfiffige Frau. Auf anderen Versionen der Zeichnung heißt es „Blödmann“, aber diese Formulierung soll dem damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine nicht gefallen haben.

Wann und wo

Zur Eröffnung der Ausstellung am Mittwoch (8.) um 18 Uhr ist die Künstlerin anwesend, die Verlegerin Antje Kunstmann und der Zeichner F.W. Bernstein würdigen Marie Marcks, Emil Mangelsdorff musiziert. Danach ist die Ausstellung im Caricatura-Museum für komische Kunst (Frankfurt, Weckmarkt 17) bis 21. Oktober zu sehen, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr. In der Reihe „Meister der komischen Kunst“ ist ein Band über Marie Marcks erschienen, Verlag Antje Kunstmann, 112 Seiten, viele Abbildungen, 16 Euro.

Marie Marcks wird das mit einem nachsichtigen Schmunzeln hingenommen haben. So vielfältig ihre Themen ausschauen, im Grunde hat sie nur eines, an dem sie auch kurz vor ihrem 90. Geburtstag noch weiterarbeitet – den aufgeklärten, mündigen, selbstbestimmten Menschen. Die umgangreiche Frankfurter Ausstellung mit 372 Blättern zeigt auch die biografischen Wurzeln dieser Haltung. Denn erstmals wird öffentlich das Original der gezeichneten Autobiografie „Marie, es brennt“ komplett ausgestellt, ein Panorama, das von der Kindheit in den zwanziger Jahren (mit der ersten Kinderzeichnung der sechsjährigen Marie, die das Lied von den „Wolgaschiffern“ in einer bewegten Seeszene illustriert) bis weit in die Nachkriegszeit reicht. Wer wie Marie Marcks in diesen Jahren die Haltung erlernt und bewahrt hat, verliert sie nicht mehr.

 

Artikel Text Laenge: 4154

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  • 07. August 2012
  • Von Johannes Breckner
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