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25. Januar 2012  | Von Roland Held

Fallensteller in der Großstadt

Wiedereröffnung – Das Weltkulturen-Museum Frankfurt macht Künstler zu Forschern

FRANKFURT. 

Ausstellungsdaten

Die Sonderschau „Objekt Atlas“ im Frankfurter Weltkulturen-Museum, Schaumainkai 29, ist bis zum 16. September zu sehen, Dienstag bis Sonntag 11-18, Mittwoch 11-20 Uhr. Der Katalog kostet 28 Euro.


Die Ära der aufwendigen Expeditionen in unerforschte Länder ist vorbei, die Depots der völkerkundlichen Sammlungen in der westlichen Welt sind überfüllt. Feldforschung betreibt man heute am besten im Museum. So jedenfalls scheint die Botschaft der Ausstellung „Objekt Atlas“ im Weltkulturen-Museum zu lauten. Doch sollte man sich deswegen den Forscher nicht als blasses Schreibtischwesen vorstellen, darauf trainiert, pedantisch Scherben zusammenpuzzeln und Karteikarten auszufüllen. Diesmal zumindest waren es Künstler, ganz unterschiedliche zudem, die konfrontiert waren mit der Frage: „Wie geht man mit einer ethnografischen Sammlung um?“ So Clémentine Delisse, seit 2010 Direktorin des Frankfurter Weltkulturen-Museums und damit Herrin über 67 000 Objekte, 120 000 Fotos und Filme sowie eine Bibliothek von 50 000 Bänden.
In diesem Fundus durften sich die Gastkünstler während des Sanierungsjahres umschauen, mit dem Auftrag, „die Sammlung als Anstoß, Energie, Kapital zu begreifen und mit ihr zu arbeiten“. Was – in einer Zeit, da gerade Völkerkundemuseen über ihre eigene, meist kolonial geprägte Geschichte nachzudenken beginnen – bereits die Antwort auf die gestellte Frage wäre.

Das Ergebnis stellt die von den Künstlern ausgewählten, aus exotischen Ländern von Angola bis Venezuela stammenden Sammlungsobjekte den Werken gegenüber, die 2011 in den Kreativ-„Labors“ entstanden sind.
Thomas Bayrle, von 1972 bis 2002 Städel-Professor, wurde vom Museum zu einer Art Heimspiel eingeladen. Er fühlte sich besonders angesprochen von Fischreusen aus Westafrika und Neu-Guinea. Er verflocht Pappstreifen zu einem Korb, der an die Verschlingungen seiner seriellen Autobahn-Wandreliefs erinnert. Mit einem Modell-Geländewagen auf seinem Grund wird der Korb zur „Falle für dumme Autos“ erklärt.
Künstlerkollegin Antje Majewski stellte sich die Grundsatzfrage: „Wer bestimmt eigentlich, welche Bedeutung diese Objekte haben?“ Sie machte die Probe aufs Exempel mit einer Auswahl steinerner Schalen und Mörser, Stößel und Klopfer, archäologischen Relikten aus Neu-Guinea, über deren Funktion selbst die Experten nicht einig sind. Die Künstlerin antwortet auf die Geräte mit Gemälden, darin sie ihnen eine plausible moderne Funktion zuweist, etwa „Armband und Batterie“. Dass sie den Objekten außerdem eine auratische Kraft zuspricht, kann man selbst durchs Vitrinenglas nachempfinden.
Vergrößerung und Isolierung sind die Strategien, die auch Simon Popper und Marc Camille Chaimowicz pflegen, wenn sie ihre Fundstücke grafisch und ornamental übertragen. Während Otobong Nkanga, inspiriert von als Währung verwendeten metallschweren Arm- und Beinreifen aus West- und Zentralafrika, auf maschinelle Wandteppiche verfällt mit der eingewobenen Mahnung: „There’s only so much a neck can carry“ – etwa: ein Hals kann auch nicht alles aushalten.
Quer durch die Weltkulturen führt schließlich der Blick, den der gemeinsame Film von Helke Bayrle und Sunah Choi auf die Figurinenbestände des Museums wirft, mal in der Totale, mal per Drehung aufs Detail gezoomt. Ein nüchterner Blick, Bestandsaufnahme und Typenvergleich eher als Einfühlung ins Mysteriös-Fremde.
Offenbar liegt die Faszination des Exotischen für heutige Künstler gerade in der Distanz, auffüllbar mit einem eigenwilligen Amalgam aus Analyse und Assoziation. Gewiss jedoch nicht mehr mit jener Illusion, selber des Ursprünglich-Vitalen, von der Zivilisation noch Unverdorbenen teilhaftig werden zu können, die vor hundert Jahren Klee und Macke, Nolde und Pechstein hinaus in die weite Welt trieb.

 
 
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