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Zwischen Depot und Depot

Ausstellung: Darmstadt präsentiert die umfangreiche Schenkung der Wella AG im Museum Künstlerkolonie

Bescherung ist dieses Jahr für Ralf Beil schon zwei Monate früher. Der Leiter des Instituts Mathildenhöhe, zuständig in Personalunion auch für die Kunstsammlungen ...
DARMSTADT.
Wann und wo
...

Die Ausstellung im Museum Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe wird offiziell eröffnet am Freitag (30.) um 19 Uhr. Sie dauert bis 7. Februar 2010, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. Katalog fünf Euro.


Bescherung ist dieses Jahr für Ralf Beil schon zwei Monate früher. Der Leiter des Instituts Mathildenhöhe, zuständig in Personalunion auch für die Kunstsammlungen der Stadt Darmstadt, durfte sich die Präsente sogar selbst aussuchen. Die Wella AG, Teil der Unternehmensgruppe Procter and Gamble, gab ihm Gelegenheit, unter den rund 400 Werken der firmeneigenen Kunstkollektion seine eigene Hunderter-Auswahl zu treffen. Die zwei Drittel, die davon Platz fanden, hängen seit Dienstag zu einer Art Begrüßungsschau in den ehemaligen Bildhauerateliers des Museums Künstlerkolonie.

Wenn Beil von einem ,,Glücksfall" spricht, dann ist das mehr als bloß PR-Floskel. Die Werke - überwiegend Arbeiten auf Papier - stammen nicht nur von 22 renommierten, mit Ausnahme von Antoni Tàpies deutschen Künstlern, die exemplarisch für bestimmende Strömungen wie Informel, Zero, Konkrete Kunst und Neue Figuration stehen können. Darunter sind zwei Träger des Wilhelm-Loth-Preises sowie manch andere mit direktem oder indirektem Darmstadt-Bezug. Vor allem jedoch entstand das Gros in den achtziger und frühneunziger Jahren, zu einer Zeit, als infolge schwindender Ankaufsmittel die Städtische Sammlung kürzer treten musste. Die Schenkung füllt also Lücken in mehrerer Hinsicht.

Warum überhaupt trennt sich Wella vom Herzstück seiner Schätze, einst zusammengetragen von einem ,,Kunstkreis", in dem die Nachfahren Karl Ströhers beweisen wollten, dass sie in puncto Kultursinnigkeit hinter dem Firmengründer nicht zurückstanden? Rüdiger Gottschalk erklärte gestern für das Unternehmen, man wolle die Werke den ,,Bürgern der Stadt Darmstadt zugänglich machen". Solch noble Absicht schließt andere, stillschweigende Gründe nicht aus. Etwa dass der ,,Kunstkreis" schon Mitte der neunziger Jahre seine Aktivitäten einstellte, keine Neuerwerbungen hinzukamen und für die seit 2003 in den USA residierende oberste Firmenleitung die Wella-Kunstsammlung vermutlich eher eine Altlast darstellt, deren Betreuung und Konservierung unnötig Geld verschlingt. So gesehen, müsste sich der Besitzerwechsel als Deal zum gegenseitigen Nutzen erweisen.

Ein Gutteil der jetzt ausgebreiteten Arbeiten kommt aus dem Wella-Depot, um bald - da wollte Ralf Beil keine anderweitigen Illusionen wecken - wieder in den städtischen Depots zu verschwinden. Doch ist dies nicht geradezu das Schicksal von Druckgrafik? In der Regel sind mehrere Blätter desselben Urhebers präsent, was vertiefende Betrachtung ermöglicht. Etwa vor fünf Radierungen von Emil Schumacher: Geradezu muskulös breite schwarze Linien spannen sich über die Oberfläche und verklammern die Fliehkräfte von Spritzern, Kratzern, Flecken, Runzeln, vor allem jedoch die Male der lädierten, mehrfach durchlöcherten Druckplatte.

Schumacher scheint damit hinüberzuweisen auf den Beitrag manch jüngerer Kollegen, wo an Flächigkeit oder Intaktheit des Bildträgers grundsätzlich gerüttelt wird. Das trifft auf Otto Pienes Feuer-Gouachen ebenso zu wie auf Raimund Gierkes Demonstrationen der Farbe Weiß auf dunklem Bütten, das sich wellt, als wäre es Bleiblech.

Von Horst Antes, einem Maler, der früh schon in Darmstadt gezeigt wurde, stammt als ältestes Stück der gesamten Auswahl ein ,,Weiße Figur mit zwei Augen" betitelter, typischer Kopffüßler aus dem Jahre 1961/62. Um genau diese Zeit hatte, im Keller-Klub im Schloss, seine allererste Einzelschau Walter Stöhrer, der mit drei recht großformatigen, um 1990 gemalten Gouachen vertreten ist; darunter eine ,,Hommage à Breton", die sich dazu bekennt, wie viel vom automatischen Schaffen des Surrealismus in Stöhrers rauschhaft verzerrtem Pandämonium überlebt hat.

Verinnerlichter geben sich die Blätter von Jürgen Brodwolf, die sämtlich vom Kontrast zwischen großen schwarzen und kleineren bräunlichen Figuren leben, wobei letztere etwas entschieden Wurm- oder Raupenhaftes haben - Seelen, die aus dem Körper geschlüpft sind? Nicht nur im Falle Brodwolfs ahnt man, dass es der Galerist Franz Swetec war, der als Vermittler zwischen Künstler und Wella-,,Kunstkreis" gewirkt hat. Zu Spekulationen regt auch eine Farbmalerei an, die Markus Lüpertz 1974 auf Papier geworfen hat. Pinsel und Stifte haben mitten in landschaftlicher Weite eine düster-groteske Gestalt erbaut, für die eine Tinguely-Maschine Modell gestanden haben könnte. Hier darf sich die Städtische Kunstsammlung, nicht nur vom Marktwert her, ein Juwel einverleiben.

Falls sie sich selber im Wettbewerb fühlt mit dem Hessischen Landesmuseum, wird ihr ein anderes Konvolut erst recht zum Triumph. Denn in die Grafische Sammlung des ehrwürdigen Hauses am Friedensplatz hätten nahtlos auch die drei Konvolute Joseph-Beuys-Radierungen und -Lithographien gepasst, die, mit insgesamt 36 Posten allein ein Drittel der Schenkung ausmachen und einen der Atelierräume im Museum Künstlerkolonie komplett füllen. Thematisch umkreisen sie mit zart angedeuteten Huftieren, Meeressäugern und Federvieh, mit tastenden Erkundungen von Weiblichem, Archaischem und Räumlichem den gewohnten Beuys-Kanon. Da jedoch viele von ihnen direkt nach Zeichnungen aus den fünfziger und sechziger Jahren angefertigt wurden, führen sie gleichsam in die Brutkammer der Beuysschen Weltschöpfung. Im Blatt ,,Hirsch und Hut" von 1980/82, das zwei bekannte Kennzeichen nochmals kombiniert, begrüßte Ralf Beil ein ,,Altersporträt" des wenige Jahre darauf gestorbenen Künstlers.


 

Artikel Text Laenge: 5672

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  • 28. Oktober 2009
  • Von Roland Held
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