Augen zu und durch! Das ist der einzige Rat, den man Besuchern einschärfen muss, die Angst vor Insekten haben. Denn eine kribbel-krabbelige Armee von Tausenden schwarzer Riesenameisen überzieht in verzweigtem Muster Geländer, Stufen und etliche Quadratmeter Wand im Treppenflur, der abwärts in den Wechselausstellungstrakt des Museums führt. Die ebenso simple wie pfriemelige Installation, die Ankabuta da eingerichtet hat, lässt schon mal keinen Zweifel: Arbeitsscheu wäre das letzte, was man der 1980 als Songie Seuk in Südkorea geborenen Künstlerin vorwerfen kann.
Das bestätigt sich im Mittelraum. Dort ist die Decke mit milchiger Folie abgehängt, auf der die Nähmaschine labyrinthisch dichte Spuren hinterlassen hat, gezeichnet in weißem Zwirn, dessen Enden samt Nadeln lose herunterbaumeln. Sind jetzt die Besucher mit Nadelphobie zu warnen? Aber jeder hat ja die Möglichkeit, sich der Länge nach auf eines von drei körpergroßen, über den Boden verteilten Kissen zu legen. Und aus bequemer Entfernung dem Fläzen, Chillen, Träumen zu frönen. Sowie dem Spekulieren darüber, was in die flächigen Fadengebilde wohl alles hineinzuschauen ist.
Nicht alle von ihnen sind abstrakt. Irgendwo lassen sich gar Russische Kapelle und Hochzeitsturm entdecken. Insgesamt jedoch hat man den Eindruck, sich unter einem Himmel aus beschwipsten Spinnennetzen zu befinden. Ankabuta – der von der gegenwärtigen Charlotte-Prinz-Stipendiatin adoptierte, aus dem Arabischen stammende Künstlername bedeutet ja „Spinne“. Tatsächlich weiß die zierliche junge Frau, die sich auf der Pressekonferenz am Donnerstag im uneitlen Arbeitskittel behend und auskunftsfreudig zeigte, ihr Publikum mit Vielseitigkeit zu bestricken: Die „Fülle verschiedener Gedanken und Medien“, die Ausstellungskurator Philipp Gutbrod pries, beginnt bei solider figürlicher Acrylmalerei und großformatigen Bleistiftzeichnungen mit sensibelstem Grauspektrum, um zu enden bei Video und Klangecke.
Die Ausstellung im Museum Künstlerkolonie in Darmstadt wird eröffnet am Samstag (11.) um 18.30 Uhr. Sie ist zu sehen bis 15.April, Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Ein Katalog zum Preis von 20 Euro ist angekündigt.
Am interessantesten freilich ist Ankabuta zwischendrin. Mit Beiträgen nämlich, die ständig hin- und herspringen nicht nur zwischen den Materialien, sondern auch zwischen den Maßstäben, schließlich zwischen tödlichem Ernst und selbstironischem Schalk. Ein nachgerade typisch ankabutesker Einfall ist der, eine Reihe Objekte in die Vitrinen mit den vertrauten Exponaten des Museums Künstlerkolonie im Obergeschoss zu schleusen – sieben Fremdkörper, teils so winzig, dass selbst der ehrgeizigste Spürhund nach dem sechsten zähneknirschend kapitulieren wird. Oder die fünf Foto-Selbstporträts, denen die Künstlerin einen von Station zu Station länger sprießenden Bartwuchs aus eigenen Haaren eingepflanzt hat. Werkstatt-Atmosphäre verbreitet im Hauptraum die „Tagebuch“ genannte, weit ausgreifende Streuhängung, bestückt eher mit spontanen Notaten als mit Bildern, vor deren künstlerischem Wert man stets in die Knie gehen müsste.
Dennoch spiegeln sie die methodische Offenheit, die Ankabuta vom Kasseler Studium bei Urs Lüthi und Dorothee von Windheim mitgebracht hat. Der dicht bepflasterten Wand benachbart entdeckt man am Boden ein Concept-Art-Meisterwerk: die Plastik eines im Bett Liegenden, so klein, dass man es aus Versehen zertreten würde, wäre nicht ein Spot darauf gelenkt. An langem Faden hängt von der Decke ein Bleistift, die Spitze beklemmend exakt auf den Kopf des Winzlings gerichtet, wie ein Damoklesschwert. Zweifellos ein Kommentar nicht bloß zur Künstler-Existenz, vor dem es einem das Schmunzeln verschlägt. Der Traum der Ankabuta gebiert Ungeheures.

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