DARMSTADT.
Wann und wo
Die Ausstellung in der Galerie Netuschil, Schleiermacherstraße 8, ist zu sehen bis zum 17. September, geöffnet Dienstag bis Freitag 14.30 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr.
Sonja Webers Bilder unterwerfen unsere Wahrnehmung einem doppelten Test. Zum einen bewährt sich ein weiteres Mal die menschliche Fähigkeit, statt Einzeldaten gleich komplette Formen zu erfassen, synthetisch zu funktionieren anstatt analytisch. Genaugenommen nämlich bieten uns die Bilder nicht mehr als wogende schwarze und silber- bis anthrazitgraue Flächen, weich ineinanderleckend, offenbar in ständigem fließenden Wandel begriffen. Trotzdem hegen wir keinen Zweifel, Ausschnitte der Meeresoberfläche vor uns zu haben, in sanfter Dünung eher als aufgewühlt.
Die härtere Nuss ist die Bestimmung des künstlerischen Mediums. Schwarzweißfotografie? Oder vielleicht doch Grisaillemalerei? Man muss sehr nah an die Bilder herantreten, um zu erkennen, dass das Auge Teil zwei des Tests glorios vermasselt hat. Denn die Formen lösen sich wieder auf in die Diagonalstruktur lückenlos dicht gesetzter Fäden – auf den Keilrahmen gespannt sind professionell perfekte Gewebe.
Jacquardgewebe, um ganz genau zu sein. Aus Webers Kamera kommen die Meeresaufnahmen, aus ihrem Computer sodann die daraus digital veränderten Entwürfe. In die textile Realität umgesetzt werden letztere jedoch in einer zünftigen Weberei, und zwar an Maschinen, die – obschon heute selber computergestützt – dem Prinzip des vor zweihundert Jahren von Joseph-Marie Jacquard entwickelten Webstuhls folgen. Er ermöglichte Stoffmuster von zuvor undenkbarer Komplexität und Nuanciertheit.
Stellt die Galerie Netuschil also eine Kunsthandwerkerin aus? Als solche sieht Sonja Weber sich gewiss weniger denn als gleichrangig mit, sagen wir: einem fotorealistisch malenden Kollegen. Und tatsächlich: Wie wollte man sie dem Kunsthandwerk zuschlagen, wo sie ihr Werk doch erst als ein fertiges, zur Endprüfung in die Hand bekommt? Andererseits war sich auch ein Raffael nicht zu schade, zeichnerische Vorlagen abzuliefern, damit Fachleute daraus eine Tapisserie woben. Es steckt ein Schuss Konzeptkunst im Weberschen Ansatz. Wen wundert’s, wenn die Resultate der uferlosen Wellen-Manie bei aller Perfektion ein bisschen keimfrei und unterkühlt anmuten? Es fällt der Partnerin im Ausstellungsdoppel zu, den Ausgleich zu schaffen. Die Berlinerin Bettina Lüdicke (geboren 1958 in Darmstadt) und die Münchnerin Sonja Weber (geboren 1968 in Hof/Bayern) kannten einander bislang nicht. Dass ihre Werke jetzt zusammengeführt sind, erachten beide jedoch als Glücksfall, versichert Galerist Claus K. Netuschil. Was nachvollziehbar ist: Ihnen gemeinsam ist die Entschlossenheit, sich einen Weg außerhalb der üblichen Genre-Grenzen zu bahnen. Bei Bettina Lüdicke wird das eingelöst durch Plastiken, die unter Beibehaltung des Volumens ein Maximum an Masse abschütteln. Wie das? Indem hier Kugel- und Ovalgebilde von Pampelmusen- bis Kürbisdimension aus Bronzedraht konstruiert werden – im ersten Schritt ein Korpus aus kräftigerem Draht, an Berührungspunkten mit Knötchen verstärkt und fixiert, im zweiten Schritt partienweise Flächenbespannung aus feinerem Draht, als gelte es, einen Globus mit Längen- und Breitengraden zu überziehen.
Doch äußert sich der Eigensinn des Lüdicke-Beitrags darin, weder auf die Exaktheit der Geografie noch die der räumlichen Geometrie abzuzielen. Woran sich das Handgefertigte dieser Kunst verrät.
Man mag an die fantastischen Gehäuse und Maschinen denken, mit denen Filigranbastler wie Günter Haese und Harry Kramer in den sechziger Jahren verblüfften. Lüdicke kommt ohne Rädchen und Motoren aus. Das Raffinierte ihrer Plastiken liegt in der Ungehindertheit, mit welcher der Blick ihre luftigen „Gewirke“ und „Raumzeichnungen“ durchdringt, mögen auch fünf, sechs Kugeln aufeinanderhocken wie Trauben, mögen mehrere kleine embryogleich den Bauch einer größeren bewohnen. Es liegt auch in der Transparenz, die garantiert, dass man jeder der Linien allzeit auf der Spur bleiben kann, selbst wenn sie die Rückseite des Gebildes umschreibt: Bahnen tanzender Elementarteilchen.
Variation bringt die Künstlerin hinein, wenn sie für ein Wandobjekt die Kugelform zur Linse flachdrückt. Oder wenn sie Einzelpartien farbig lackt – wobei Schwarz und Weiß eigentlich vollkommen genügen. Passender als Buntheit ist ohnehin das Schattenbild, das die Werke auf die Wände werfen.

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