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06. Januar 2012  | Von Stefan Benz

Dichter auf der Flucht

Kunst-Projekt – Bernhard Meyer stellt in Darmstadt seine Pläne für ein Büchner-Denkmal vor

DARMSTADT. 


Zwei nach außen gewölbte Metallwände werden in der Mitte verschweißt. An dieser Stelle soll per Laser die lebensgroße Silhouette eines laufenden Mannes ausgestanzt werden: Georg Büchner, Autor des Sozial-Pamphlets „Hessischer Landbote“, auf der Flucht vor der Justiz. Zwei Tonnen schwer, 2,50 Meter hoch, 2,20 breit und sechs Meter lang soll die Konstruktion aus zwei Millimeter dicken Corten-Stahl-Platten sein. „Leichter als ein Porsche Cayenne“, sagt Meyer im ECHO-Gespräch, der den schweren Büchner auf einem Autotransporter von Darmstadt bis nach Straßburg und vielleicht auch noch nach Zürich schaffen will. „Das reduziert die Kosten enorm.“ Im Jahr 2013, 200 Jahre nach Büchners Geburt, soll die rostige Stahlskulptur an Orten gezeigt werden, die Stationen von Büchners Flucht aus Darmstadt markieren.
Noch kann Meyer das Monument vor sich hertragen. Das Modell im Maßstab 1:20 besteht aus Pappe. Zwar habe er bereits zwei Ingenieure im Projektteam, um die Finanzen aber hat sich der Mann, der sich mit Künstlernamen „Bernhard & Meyer“ nennt, noch nicht gekümmert. Um öffentliche und private Gelder aufzutreiben und weitere Mitstreiter zu finden, will er das Büchnerjahr 2012 (175. Todestag) nutzen. Einen fünfstelligen Betrag wird das Projekt erfordern, wenn’s auch nicht ganz so teuer wie ein Porsche-Geländewagen werden soll.

Was Meyer in Darmstadt und andernorts zeigen will, das ist der Büchner, der uns fehlt, der uns abhandengekommen ist. Von der Figur, die in der Stahlwand zu erkennen ist, sieht man schließlich nur den Umriss. „Es geht um die geistige Person“, sagt Meyer, der keine Lebensdaten oder Werkverzeichnisse anbringen will. „Ich will nicht, dass die Leute mit einem klaren Bild nach Hause gehen“, erklärt der Künstler, dessen Büchner-Bild durch die begeisterte Lektüre des pessimistischen Revolutionsdramas „Dantons Tod“ und die Verfilmung durch Andrzej Wajda (1983) geprägt wurde.
Der 21 Jahre alte Vormärz-Dichter Büchner hatte seinen „Danton“ gerade in angeblich nur fünf Wochen in Darmstadt geschrieben, als ihn ein Friedberger Untersuchungsrichter vorlud. Büchner erschien nicht, wurde daraufhin steckbrieflich gesucht und flüchtete am 9. März 1835 aus Darmstadt nach Straßburg, wo er die Novelle „Lenz“ schrieb. Während des Promotionsstudiums in Zürich arbeitete er am „Woyzeck“-Drama, das Fragment blieb. Büchner starb am 19. Februar 1937 an Typhus.
Von alldem nichts auf dem geplanten Denkmal. Stattdessen bloß der Steckbrief in Auszügen auf beiden Stirnseiten. Dort fordert Hofgerichtsrat Georgi die Verhaftung des revolutionären Dichters und Wissenschaftlers wegen seiner „Theilnahme an staatsverrätherischen Handlungen“. Hinweise auf Werk und Wirkung will sich Meyer verkneifen. „Im öffentlichen Raum versuche ich, immer mehr zu reduzieren“, sagt der 1948 in Ostfriesland geborene Künstler, dessen Denkmal für Roma und Sinti seit 1997 in Darmstadt gegenüber dem Liebig-Haus-Eingang steht. „Je einfacher, desto größer die Langzeitwirkung“, ist seine Erfahrung. „Ich will es schlicht machen, klassisch werden.“ Und das bei „höchster Flexibilität“. Auch was den Standort betrifft, legt er sich nicht fest: Karolinenplatz, Luisenplatz, Hauptbahnhofsvorplatz – alles denkbar. „Ich muss nicht auf die heilige Mathildenhöhe.“

 
 
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