Es raunt aus der einen Ecke und es zirpt aus der anderen, mal lässt sich ein Saxofon ausmachen, dann wieder dunkel pulsierendes Schlagwerk. Vier Lautsprecher stehen dezent an den Rändern des großen Raumes, aber die Klangereignisse scheinen dem Besucher zu Leibe zu rücken, und das nicht einmal auf unangenehme Weise. Der Zuhörer kann sich von den Klängen bei seiner Bewegung im Raum ja treiben lassen. Je nachdem, wo er gerade steht und wie sich die Phasen der Klangereignisse gerade vereinigen, wird er immer etwas anderes hören. Die Komponisten Anke Schimpf und Christoph Paulssen haben die Klanginstallation „Zeit t_Raum“ geschaffen und gemeinsam mit Martin Tilschner realisiert: Vier Elemente einer Komposition sind in Beziehung zueinander auf einer gemeinsamen Zeitachse eingespielt worden. Die Wiedergabe in vier entfernten Lautsprechern entkoppelt die Ereignisse, zudem wird der Zuhörer zum Mitschöpfer, indem sein Laufweg bestimmt, welche Eindrücke er aufnimmt.
Das passt nicht schlecht zum Raum, in dem sich dieser immer neue Klang ereignet. Wir befinden uns im dritten Stock des Hauses an der Darmstädter Havelstraße, in dem einst die Deutsche Buchgemeinschaft residierte und die Firma Seydel und Cie. Das Haus ist verkauft, die meisten Mieter sind schon ausgezogen, bis zum Sommer hat der Darmstädter Künstler Willi Bucher Gelegenheit, die meisten der Geschosse zu bespielen. Teils sind sie ihm Atelier, teils Ausstellungsräume von gewaltigen Ausmaßen: ein eigenes Bucher-Museum auf Zeit mit einer Fläche von 2400 Quadratmeter. Weil der Raum so verschwenderisch groß ist, hat Bucher neben der Klanginstallation auch Michael Köngeter noch eingeladen; der Architekt zeigt Möbelentwürfe, die zunächst als Raumskulpturen wirken, bevor sie ihren eigentlichen Zweck offenbaren.
Die Musik von Schimpf und Paulssen ist im dritten Stock zu hören, und weil sie den bewegten Zuhörer fordert, fügt sie sich besonders gut zu Buchers großformatigen Gemälden. Gerade die jüngeren Arbeiten, in denen die erstarrte, aus der Leinwand buchstäblich herausgezogene Ölfarbe eine wildbewegte, skulpturale Oberfläche bildet, zeigen ihr brodelndes Leben beim Blick aus wechselnden Perspektiven. Zu den schwarzen und roten Arbeiten sind inzwischen Bilder in erdigen Braun- und in Pastelltönen hinzugekommen, und im obersten Geschoss beweist eine Reihe kleinformatiger Arbeiten, dass das Prinzip auch in Weiß seine Reize entfaltet.
Die bisher größte Bucher-Ausstellung kann bis Anfang März nach Vereinbarung besucht werden, Telefon 06151 57484, E-Mail willi@bucher.net.
Als Kontrast zur großen Fläche hat Bucher seine Ausstellung sparsam arrangiert. Er lässt den Bildern den Raum, den sie brauchen, um ihre Wirkung noch zu steigern. Die Klänge im dritten Stock sind kombiniert mit älteren Arbeiten in Gelb und Grau, darunter auch jene Bilder, die Porträts mit geometrisch gesetzten Stecknadeln gleichsam Verletzungen zufügen. Im Keller sind Beispiele für Buchers Sprachbilder zu sehen, in denen Buchstabenkolonnen und Wortreihen die Farbfläche überlagern. In der Mitte steht ein dunkler Wunderkasten, der das jüngste und bislang perfekteste Ergebnis von Buchers dreidimensionalen Versuchen zeigt. Während der Künstler vor seinen Gemälden die Betrachter in Bewegung bringt, die sich durch den Wechsel der Perspektive das Bild erarbeiten, gerät das vormals statische Gemälde in der 3-D-Box selbst in Bewegung. Wer die entsprechende Brille aufsetzt, erlebt das verblüffende Wunder, dass Farbschichten sich voneinander zu lösen beginnen und das bewegte Bild in Einzelteilen auf den Betrachter zukommt. Martin Skowronek und Florian Albert haben die staunenswerte technische Realisierung besorgt, Schimpf und Paulssen haben die Musik zum Videofilm komponiert, die zusätzlich dazu beiträgt, den Betrachter ins Erlebnis hineinzuziehen.
Wenn er mit gelben Punkten beschossen wird, erkennt man freilich auch den spielerischen Impuls in Buchers Video-Arbeiten. Diesem großen Zweig seines Werkes ist der siebte Stock gewidmet, der einzige, in dem die Zwischenwände der früheren Büros noch erhalten sind. So hat der Besucher die Gelegenheit, von Kabinett zu Kabinett zu wandern, während sich im Flur die Geräusche aus den einzelnen Kammern zur wunderlichen Klanginstallation summieren.
Mal projiziert Bucher seine Videos auf Glasbausteine, dann wieder auf Leinwand und Luftpolsterfolie. Wer das Hochhaus an der Havelstraße durchstreift und die vielen Aspekte miteinander in Beziehung setzt, erkennt man die Linien, die sich durch Buchers Werk ziehen. Auch als Videokünstler ist er ein Maler geblieben.

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