Doch, an die „Schlachtbank“ haben Klaus Pohl, Kustos für die Kunst der Moderne im Landesmuseum Darmstadt, und Peter Joch, Direktor der Kunsthalle, durchaus gedacht, als sie „Schlachtpunk“ in der Kunsthalle gemeinsam konzipierten. Die gezeigten Künstler haben nicht nur mit wüstem Strich wilde Musiker gemalt, dazu Punk-Klubs unterhalten oder Punk selbst gespielt wie Helmut Middendorf, dessen „Singer III“ von 1981 an das Cover der Platte „London Calling“ von „The Clash“ erinnert. Sie haben wie das Künstlerdoppel Walter Dahn und Jirí Georg Dokoupil überdies die E-Gitarren der Bands in hölzernen Plastiken zitiert und wie neuzeitliche Ikonen an die Wände gehängt.
„Schlachtpunk“ führt die Schnelllebigkeit moderner Kunstströmungen fast exemplarisch vor: Vieles – auch die wilde Musik und wüste Malerei der Achtziger – ist vergangen, bevor es verdaut war, und muss nun in der Retrospektive wieder entdeckt oder endgültig abgetan werden. In der Kunsthalle wird dabei schnell klar: Hier lohnt es sich, noch einmal hinzusehen. Gezeigt werden Werke aus der „Sammlung Tiefe Blicke“. Diese Kollektion ist ein Depot-Schatz des wegen der Grundsanierung geschlossenen Landesmuseums, der auch Kennern der Darmstädter Kunst kaum präsent ist, da die Bilder und (wenigen) Skulpturen aus den Achtzigern immer nur häppchenweise zu sehen waren.
Nun bekommen sie für die Dauer dieser Schau breiteren Raum, denn die Kooperation der südhessischen Ausstellungshäuser klappt zunehmend besser. In das Programm der Kunsthalle, die sich des künstlerisch verwerteten modernen Alltags gern annimmt, passt dieser Schatz: „Mir geht es hier auch um die jugendliche Attitüde des Punk“, sagt Peter Joch, um den ironischen Widerstand gegen gesellschaftliche Ideale. „Die Schau belegt die ,Schlacht um überlieferte formale und ikonografische Muster“, heißt es in der Ankündigung. Und: „Sie zeigt den aggressiv anarchistischen Spaß der Künstler am Tabubruch und an erzählerischer Unberechenbarkeit.“
Bis 29. April in der Kunsthalle Darmstadt: dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr, samstags, sonntags von 11 bis 17 Uhr. Eröffnung ist am Sonntag (29.) um 17 Uhr. www.kunsthalledarmstadt.de
Im Zentrum stehen dabei 19 Bilder von Martin Kippenberger. Darum gruppieren sich Arbeiten unter anderem von Elvira Bach, Walter Dahn, Albert Oehlen oder Volker Tannert – alles „Schlächter“ mit wilden Farben, riesigen Formaten und teilweise beißendem Spott in den Bildinhalten. Begleitet werden die vielen Meter Leinwand von Liedtexten, die – hier darf man es sagen und ganz wörtlich meinen – wie die Faust aufs Auge passen.
„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“, behauptete die Band „Fehlfarben“ 1980. Das war kurz nach Nato-Doppelbeschlusses und Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Da gab es keinen Zweifel: „Geschichte wird gemacht“, und die jungen Wilden der Malerei kommentierten sie auf ihre Art. In Walter Dahns „Alternativvorschlag“ fallen statt der Bomben auf die Häuser Häuser aus den Kampfflugzeugen auf hochaufgerichtete Bomben.
Die Kritik der Punk-Kunst setzt nicht mehr auf Argumentation oder friedliche Ostermärsche. Stattdessen lässt Blalla W. Hallmann 1983 in ihrem Collagebild „Ihr dort oben, wir hier unten“ die Arme eines karikierten Christus am Kreuz zur Trennlinie werden: Unten ersaufen vielen kleine Totenmasken in Exkrementen, die von den Schweinen oben herabgelassen werden. Ihr fettes Futter sind neben Geld und Fleisch auch Paragrafenzeichen und Hakenkreuze. Der Glaube an das Gute, Wahre, Schöne ist dahin.
Die Wirklichkeit schlachtet die Ideale – und zugleich die Verklärungen der klassischen Moderne. Ihre Theoretiker hatten behauptet, mit der Abkehr von der bloßen Weltspiegelung könne der Künstler sich seinen eigenen Kosmos schaffen. Tatsächlich waren dabei aber auch Sinn und Sinnlichkeit verloren gegangen, und im Extrem der Konzeptkunst gab es Worte statt Werke. Vielleicht lässt sich der „Paravent“ von Dahn und Dokoupil, der die Einladungskarte zur Ausstellung schmückt, als Persiflage auf diesen Verlust deuten: Hinter der wackligen Wand des Paravents abgetrennt von der Welt, haben zwei grobe Gestalten sich selbst des Kopfs beraubt und sind kurz davor, ihr letztes Stück Leben zu verspeisen.
Der wüste Musiker setzt in dieser Ödnis mehr auf die List der sanften Tour. Martin Kippenberger malt sich in seinem Zyklus „Die verhinderten Flanellläppchen“ 1981/82 mit Bravour, verqueren Bildinhalten wie Kühlschränken oder Hockerchen und absurden Beischriften einmal quer durch Sinn und Unsinn der Moderne. Das Bild wird dabei zur Humoreske, die ein paar brutale Töne geradezu herausfordert. Let it rock“, schreit hier der Bildbetrachter innerlich von ganz allein – und grinst sich einen.
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