Bis 21. Januar 2012 in der Galerie Netuschil, Schleiermacherstraße 8: Dienstag bis Freitag 14.30 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr. Eröffnung am Sonntag (27.) um 11 Uhr.
Steht es am Nordpol? Jedenfalls treibt am Horizont hinter dem „Haus des Malers“, das Gerhard Rießbeck auf Leinwand heraufbeschwört, ein Eisberg vorbei. Mörderisch ziehen muss es in dem vorn und hinten offenen Bauwerk, das mehr einer Hütte gleicht als einem soliden Haus. Zum Ausgleich stechen seine Lattenwände irreal multikoloristisch vom Grau und Weiß der Umgebung ab – Streifensalat im stillen Schneetreiben. Vom Bewohner indes fehlt jede Spur. Er scheint gerade auf Motivjagd zu sein.
Ihre Künstler jagen musste das Darmstädter Galeristen-Ehepaar Claus Netuschil und Edith Kriz für ihre Themenschau „...Verschneit liegt rings die ganze Welt“ nicht. Sie: „Wir haben fast alle schon mal ausgestellt.“ Er: „Vor ungefähr einem Jahr habe ich die Beiträger erstmals angetippt“. Nun ist er verblüfft: „Um ehrlich zu sein – ich hab’s mir viel weißer vorgestellt.“
Wo wir schon beim Jagen sind: Das berühmteste Winterbild der Kunstgeschichte, eine 1565 von Pieter Breughel dem Älteren gemalte weite Weltlandschaft, ist nicht nur ordentlich verschneit. Nach einer Gruppe Gestalten zwischen kahlen Bäumen im Vordergrund heißt es auch: „Die Heimkehr der Jäger“. Etwas davon klingt an in Karen Shahverdyans Gemälde „Der Weg/Spuren“, auf dessen beiden horizontalen Erzählzonen einmal die drei winzigen Mitglieder einer ins Hochgebirge aufbrechenden Expedition zu sehen sind, das andere Mal nur die von ihnen im tiefen Schnee hinterlassenen Fußspuren. Auf den ersten Blick ist es die gekonnte Trompe-l’oeil-Technik, die an Shahverdyans drei Tafeln fasziniert. Nachhaltiger noch nistet sich ein die Stimmung von Einsamkeit, Ausgesetztheit, Fremdsein gegenüber der Übermacht der Felsengipfel und der Elemente.
Voll physischer Verve packt Harry Meyer Gebirgsszenerien an, mit Wirbeln von Farbmasse, hier stockend, dort in Fluss geratend, und koloristisch öfters mit Einsprengseln von Rot, Blau, Gelb im Teig des Weiß. Bekannt dafür, mit den Malmitteln nicht zu geizen, ist auch Christopher Lehmpfuhl. Aus dem Nebeneinander von glatter Leinwand und regelrechten Rotznasen, Achselhöhlen und Fleischgewächsen von Farbe erwächst – über einem vergleichsweise dünn besetzten unteren Streifen – sein „Hafen im Winter (Kiel)“. Auch dieses größte und teuerste Format der Schau weckt Erinnerungen an niederländische Meister. Aber es laviert, rein mit den Fingern gemalt, auch riskant nah vorbei an einer nur scheinradikalen Variante von Ölschinken. Eine Klippe, die Stefan Wehmeyer klar umschifft, dessen Bildvisionen von Hochgebirge sich eher im Zeichnerisch-Suggestiven, Delikaten, partienweise zu Vagen bewegen.
Alle Sorge des Galeristen, zu wenig Weiß zu bieten, müssten zerstieben angesichts der Tatsache, dass der einzige Bildhauer der Auswahl Christofer Kochs seine mit der Motorsäge aus dem Holz geholten Werke vorzugsweise weiß fasst. So die wie aus verschlungenen Tangbündeln aufstrebende Stelenfigur. Der hängend auf die Schultern gesetzte Kopf erlaubt es, darin eine Allegorie auf den Winter zu sehen – eine Jahreszeit, da die Melancholie regiert.
Womit man bei den Temperamenten zurück ist. Was wäre eine Winter-Schau bei Netuschil ohne Gerd Winter? Auch ein als „abstrakt“ gehandelter Künstler wie er lässt sich durchaus inspirieren von Farben und Stimmungen der Landschaft. Jeder, der noch Sorgen wegen eines Weiß-Defizits hegt, sollte Hoffnung schöpfen daraus, dass der Achte im Team dieser Themenschau mit Namen Rudi Weiss daherkommt. Nomen est omen: Viel Weiß ist als schließende Schicht gespachtelt auf dem gegenstandslosen Großformat „Track 9/11“. Doch lugen drunter hundert Farben hervor wie durch Risse in einer Nebelwand.
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