Der Rund-Stempel ist Teil des Werks, dem Urheber Joseph Beuys offenbar nicht minder wichtig als die verhuschten Bleistiftlinien, die er mit den Stempelmotiven überdeckt: Doppelkeile, Pfeile und andere einfache Zeichen, dazu das Wort „Hauptstrom“. Wiederkehrend auf mehreren der gezeigten Zeichnungen von Beuys, signalisieren Wort und Stempel die Bedeutung, die Begriffen wie Richtung, Bewegung, Energie zukam in der Weltanschauung des Künstlers. Doch wer hat, um im Bild zu bleiben, für den Hauptstrom gesorgt? Die Antwort kann nur lauten: die Expressionisten. Geben deren Werke sich doch zu erkennen als Ausdruck von Emotionen und von Energien in einem viel allgemeineren Sinn.
In der Ausstellung „Im Einklang mit der Natur“, die den Bogen von Beuys spannt zurück zum Anfang des 20. Jahrhunderts, sind es Gemälde und Arbeiten auf Papier von Franz Marc, womit die These von der Kontinuität des Energetischen anschaulich belegt wird. Thematisch verbindend ist das Tier – bei beiden Künstlern etwa das Schaf. Ansonsten stehen Beuys’ Elchen, Hirschen, Robben die Marc’schen Rehe, Pferde, Hunde gegenüber.
Die Ausstellung der Altana-Stiftung im Sinclair-Haus, Löwengasse 15, Bad Homburg, ist bis 12. Februar 2012 zu sehen.
Öffnungszeiten: Dienstag
14 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr.
Sein Beitrag – ausgeliehen vom Franz-Marc-Museum Kochel, wo die Ausstellung zuvor Station machte – beginnt chronologisch 1907 mit recht naturalistischen Tierstudien, die wenige Jahre später bereits durch die optische Mühle von Abstraktion und Reduktion aufs ornamental Stilisierte gegangen sind. Das Energetische greift dann deutlich auf zwei Ölgemälden. Die „Gelbe Kuh“ (1911), leuchtend in irreal gesteigertem Kolorit, springt übermütig schräg durch die Landschaftskomposition, deren Dynamik von gegenläufigen Diagonalbalken auf die Spitze getrieben wird. Alle feste Materialität wird infrage gestellt auf „Gazellen“ (1913/14). Hörner und Rücken der exotischen Wesen gehen bruchlos über in Linienschwünge, die Tier und Umraum verschnüren zu einem Kontinuum aus roten, blauen, grünen Flächen.
Das wirkt heute immer noch recht artifiziell. Es spiegelt indes Marcs Hoffnung, sich ins Wesen eines Tiers hineinversetzen zu können, ja schließlich die Welt durch dessen Augen zu sehen. Facettenreiche Farben spielen kaum eine Rolle in Joseph Beuys’ Versuchen, dem Mysterium der Natur näherzukommen. Die in Bad Homburg versammelten Arbeiten auf Papier beschränken sich auf Bleistift, Wasserfarbe und – besonders charakteristisch – goldbraune Beize. Diese Tierdarstellung variiert von der geschlossenen, fast stromlinienförmig fließenden Silhouette bis zum schamanistischen Röntgenblick, der durch die Hülle bis aufs Skelett vorstößt. Der Betrachter hat den Eindruck von Schemen und Nachbild, Spur und Spuk – was schon recht nah an „Seele“ wäre. Tatsächlich übertraf Beuys Franz Marcs Glauben an die Beseeltheit der Tiere womöglich noch mit seiner Vision eines mit Geistpotenzial aufgeladenen Universums.
Der zwischen beiden Künstlern gespannte Bogen wäre nur halb so solide ohne den Mittelpfeiler, den ihm die Organisatoren der Schau gegeben haben. Ewald Mataré, um 1950 Beuys’ Lehrer an der Düsseldorfer Akademie, ist vertreten mit einer Auswahl seiner – durchweg ums Tier kreisenden – Werke. Stärker als der Vorläufer und der Nachfolger konzentriert er sich auf die domestizierten Arten, vorzugsweise Schaf und Rind, oft als rhythmisch gelagerte Herde.
Romantik weicht Systematik in der Art, wie er die Formen analysiert und mit Zirkel und Lineal hinter der Anatomie die Geometrie aufspürt. Keine Spur vom kritzeligen Irgendwie und Ungefähr, das auf manchen Zeichnungen seines Schülers regiert. Doch geht Mataré deswegen gänzlich nüchtern mit dem Thema um? Ein Blick nur auf seine Holzskulpturen und Bronzen genügt, um das zu verneinen. Symmetrisch und kompakt, alles Überflüssigen entkleidet, begegnet man hier Energie in einer Verdichtung, die alle Seele aufgehoben weiß in der gelungenen Form.

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