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11. März 2011  | 

Die Philosophie des Verschwommenen

Ausstellungen: Zwei Hamburger Präsentationen feiern Gerhard Richters Malerei seit den sechziger Jahren

| Vergrößern | Gerhard Richters Ölgemälde „Schädel mit Kerze“ aus dem Jahr 1983 ist in der Hamburger Ausstellung „Unscharf“ zu sehen. Foto: © Gerhard Richter 2011/Elke Walford
HAMBURG. 



Wann und wo

„Gerhard Richter: Bilder einer Epoche“. Bis 15. Mai im Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, Hamburg. Öffnungszeiten: täglich 11 bis 19 Uhr, donnerstags auch bis 21 Uhr. „Unscharf: Nach Gerhard Richter“. Bis 22. Mai in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags auch bis 21 Uhr.


Der aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelte Gerhard Richter äußerte 1962 mit damals 30 Jahren in weiser Voraussicht: „Vom Malen kann man nicht leben, man kann nur später davon reich werden.“ Als er das sagte, schickte er sich an, mit verschwommen aussehenden Gemälden nach Fotovorlagen den Durchbruch zu erzielen. Heute ist er der international bestbezahlte deutsche Künstler. Zwei Hamburger Ausstellungen widmen sich jetzt seinem Schaffen.
Das Bucerius Kunst Forum zeigt 50 Gemälde aus den Jahren nach 1960 sowie nach 1980, die Richter nach Privatfotos und Bildvorlagen aus Zeitungen und Zeitschriften geschaffen hat. Gastkurator Uwe M. Schneede hat die Bilder einer gewaltigen Aufwertung unterzogen. Er erklärt, dass „Richters Gemälde aus den sechziger Jahren nicht, wie oft angenommen, auf indifferent behandelten und inhaltlich belanglosen Motiven fußen“. Vielmehr zeichneten sie „das Bild einer Epoche“. Schneede räumt jedoch ein, Richter habe das Epochen-Bild nicht bewusst schaffen wollen, als er malte.
Die verwischt aussehenden, meist schwarz-weißen Motive stammen aus unterschiedlichen Themenfeldern. Auf bescheidene Verhältnisse, wie sie Richters damaliger Lebenssituation entsprachen, verweist der „Faltbare Wäschetrockner“, 1962). Auf Wohlleben deutet das Gemälde „Motorboot“ (1965) hin: Die vier jugendlichen Bootsinsassen beiderlei Geschlechts geben sich auffallend ausgelassen. Wie eine verlockende Lichterscheinung wirkt dagegen „Ema (Akt auf einer Treppe)“ aus dem Jahr 1966 – ein berühmtes Bild, gemalt nach einem Foto, das der Künstler von seiner damaligen Ehefrau aufgenommen hatte.
An anderer Stelle eilt in Lebensgröße eine „Sekretärin“ (1964) am Betrachter vorbei. Auf einem kleinen Illustriertenfoto, das mit anderen Vorlagen Richters ausgelegt ist, kann man diese Sekretärin wieder entdecken. Die Bildunterschrift lautet: „Jacqueline Olesen war die Geliebte Eugen Thompsons. Der Anwalt wollte sie nach dem Tode seiner Frau heiraten. Doch angeblich lehnte die Olesen ab.“ Das Foto steht in Beziehung zu einem Mordfall, aber Richter betont, dass ihn das bei der Vorlagenauswahl nicht sehr interessiert habe. Ihm gehe es grundsätzlich vor allem um die bildnerischen Qualitäten, um Ansehnlichkeit und Rätselhaftigkeit.
Ob das auch für das Gemälde „Herr Heyde“ aus dem Jahr 1965 gilt? Werner Heyde, der sich 1959 den Behörden stellte, war während der Nazi-Zeit als Leiter der so genannten Euthanasie-Zentrale für die Ermordung tausender Menschen mitverantwortlich. Eines ist klar: Richter deutet oder erklärt die seinen Bildmotiven zugrunde liegenden Personen und Ereignisse nicht. Denn: „Ich kann über Wirklichkeit nichts Deutlicheres sagen als mein Verhältnis zu Wirklichkeit, und das hat dann etwas zu tun mit Unschärfe, Unsicherheit, Flüchtigkeit, Teilweisigkeit oder was auch immer.“
Die Unschärfe als Ausdruck fundamentalen Erkenntniszweifels kennzeichnet auch die 15 schwarz-weißen Gemälde des Zyklus „18. Oktober 1977“. Diese Bilderserie malte Richter unter Zuhilfenahme von Presse- und Polizeifotos elf Jahre nach dem Selbstmord der RAF-Häftlinge in Stuttgart-Stammheim am 18. Oktober 1977. Gleich zwei Gemälde zeigen den tot am Boden liegenden Andreas Baader als „Erschossenen“. Das größte Bild heißt „Beerdigung“. Was hat Richter zu diesem Zyklus veranlasst? Der Maler antwortete: „Die ungeheure Kraft, die erschreckende Macht, die eine Idee hat, die bis zum Tod geht.“
„Unschärfe ist auch ein bisschen wichtig für mich, weil ich eh nicht genau sehen kann und es nicht genau weiß“, sagt der Maler, und „Unscharf“ heißt denn auch die zweite Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Sie präsentiert zwanzig verschwommene Gemälde Richters aus allen Schaffensphasen, darunter Landschaftsgemälde und ein Seestück, Familienbilder mit Mutter und Kind, den „Schädel mit Kerze“ sowie ein in prächtigen Farben leuchtendes abstraktes Gemälde namens „Eule“. Dazu kommen in dieser Schau die „Nachfolger“: Gezeigt werden auch 60 unscharfe Gemälde und Fotografien aus den letzten 30 Jahren, die von 23 weiteren Künstlern geschaffen wurden.

Weichzeichnen und Verschleiern, Bewegungsunschärfe und Bildstörung bis zur Unidentifizierbarkeit sind die Gemeinsamkeiten. Doch die Spielarten sind vielfältig. Anna und Bernhard Blumes fünfteilige Fotosequenz „Küchenkoller“ (1985) ist eine komische Geschichte über fliegende Kartoffeln. Michael Englers Farbfotografien von Schiffen, die sich im Wasser spiegeln, tragen den Titel „Fata Morgana“ (2007). Und Pablo Alonsos „Vale“ und „Vale (II)“ (1995) sehen aus wie riesige Polaroid-Fotos. Doch es handelt sich um Klarlack, auf Hochglanz poliert, sowie um aufgesprühte Acrylfarbe.
Und was ist zu sehen? Möglicherweise ein stark verschwommener Totenschädel. Doch Bernd Hüppauf mahnt im Katalog dazu: „Es ist eine Banalisierung des unscharfen Bildes, es als Aufforderung zu lesen, in ihm das richtige, aber verborgene scharfe Bild zu finden. Der experimentierende Blick und ein vermutendes Verstehen durch Assoziation sind gefordert“, wenn man die vieldeutige Unschärfe der Werke Richters und der anderen Künstler treffend würdigen wolle.

 
 
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