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12. Februar 2010  | Von Kirsten Liese

„Séraphine"

Mit wachem Auge und schwerem Gang : Liebevolle Hommage an eine verschrobene Vertreterin der Naiven Malerei

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Sie sieht mehr, als ihr Blick erahnen lässt: Yolande Moreau als Malerin Séraphine Louis. Foto: Arsenal


Wer sich nicht gerade mit Naiver Malerei beschäftigt hat, wird sie vermutlich kaum kennen: die geheimnisvolle Séraphine Louis, geboren 1864 und gestorben 1942 in einer psychiatrischen Klinik. Dabei ist sie eine derart außergewöhnliche Persönlichkeit, dass man sie erfinden müsste, wenn es sie nicht gegeben hätte.

Martin Provosts Film ist eine liebevolle Hommage an diese eigenwillige, leicht verschrobene Frau, die Bäume umarmte und bekletterte, um Kraft zu tanken, nachts heimlich in ihrer Kammer ihre Farben aus Teeblättern, Hühnerblut und Kerzenwachs anrührte und dazu lateinische Kirchenlieder sang. Es ist die Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der deutsche Kunsthändler Wilhelm Uhde ist von Paris in den kleinen verschlafenen Ort Senlis gekommen, wo er Ruhe zum Schreiben finden will. Ulrich Tukur brilliert mit akzentfreiem Französisch als ein zwar erfolgreicher, aber auch einsamer Kunstmäzen, der als homosexueller Deutscher in Senlis ein ähnlicher Außenseiter ist wie Séraphine.

Uhde stößt auf ein kleines Gemälde, das ihn bezaubert - und erfährt zu seiner Verblüffung, dass seine unscheinbare, verschlossene, etwas ruppige Haushälterin es gemalt hat. Der Deutsche, der auch schon Picasso und Rousseau entdeckt hat, wird ihr Mentor, Förderer und Freund. Doch bei Kriegsausbruch muss er fliehen und lässt die Arbeiten seines Schützlings zurück. Als er später zurückkehrt, trifft er auf eine nahezu paranoide Séraphine.

Provost ist ein bemerkenswerter Film gelungen, der den Blick der Malerin in sich aufnimmt, sich zu ihrem Auge macht und zugleich mit einer großen Diskretion auf ihr Leben sieht. Die großartige Yolande Moreau verkörpert sie mit wachen Augen und schwerfälligem Gang als eine von harter Arbeit gezeichnete, dennoch kraftvolle und sensuelle Frau mittleren Alters, die Böden schrubbt, Pflanzen sammelt, inbrünstig singt und selbstvergessen nackt in einem Fluss badet. Es dauert einige Zeit, bevor der Film ihre eigentliche Passion enthüllt. Der Regisseur erfasst dabei den geschärften Blick der Malerin auf alles, was sie umgibt: sei es das Gewebe eines Blattes oder der Verlauf einer Maserung im Holz. Jede Kameraeinstellung ist für sich ein sorgfältig komponiertes Stillleben.

Die sieben César-Filmpreise, mit denen dieses stille, poetische, unpathetische Werk in Frankreich ausgezeichnet wurde, hat er verdient.


Ab sechs Jahren.

Mehr dazu unter www.seraphine-derfilm.de

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