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12. Mai 2011 Von Dirk Henninger

Die kulturhistorische Bedeutung von „Metropolis“

| Vergrößern | Das Foto entstand bei der Uraufführung der rekonstruierten Fassung am Brandenburger Tor während der Berlinale 2010. Foto: dpa

Bei den meisten Zuschauern rief „Metropolis“ in seinem Premierenjahr keine positiven Reaktionen hervor. Der Schriftsteller und Science-Fiction-Pionier H. G. Wells sprach sogar vom „albernsten Film überhaupt“, und der surrealistische Filmemacher Luis Buñuel fand ihn unerträglich kitschig. Zur Verteidigung des Klassikers muss allerdings angemerkt werden, dass die beiden Künstler – wie fast alle damaligen Kinogänger – nur die gekürzte Version zu sehen bekamen. Immerhin war Buñuel aber von der Ästhetik beeindruckt und lobte den Regisseur in dieser Hinsicht für eine „begeisternde Symphonie der Bewegung“.
Fritz Lang (1890-1976), der „Metropolis“ als modernes Märchen betrachtete und sich 1924 während eines USA-Aufenthaltes von Manhattans Skyline zu seinem Film inspirieren ließ, interessierte sich kaum für dessen inhaltliche Aspekte. Vom Drehbuch seiner damaligen Ehefrau Thea von Harbou distanzierte er sich später sogar. Die von ihr ersonnene Versöhnung der Arbeiterklasse mit der Oberschicht nahm immerhin die wenige Jahre danach von den Nationalsozialisten praktizierte Gesellschaftsordnung vorweg, und der spätere NS-Propagandaminister Joseph Goebbels war von „Metropolis“ so angetan, dass er den Juden Lang sogar zum „Ehrenarier“ adeln und zum Leiter der gesamten deutschen Filmindustrie machen wollte.
Obwohl Langs späterer Film „Das Testament des Dr. Mabuse“ von den Nazis verboten wurde und Lang 1933 nach Frankreich und später in die USA emigrierte, führten diese Umstände dazu, dass „Metropolis“ im Nachhinein zunächst in entsprechend negativer Weise interpretiert wurde. Vor allem der Filmtheoretiker und Soziologe Siegfried Kracauer bescheinigte dem Film präfaschistische Tendenzen und urteilte in seiner berühmten Studie „Von Caligari zu Hitler“, dass sich darin „das gelähmte deutsche Kollektivbewusstsein mit ungewöhnlicher Klarheit im Schlaf“ äußere.
Kracauers Buchtitel „Das Ornament der Masse“ von 1927 ist ebenfalls zum Teil von Langs Film abgeleitet, in dem die Menschen in geometrischen Formen als Bestandteil der Architektur fungieren. Wie die Aufmärsche und Selbstinszenierungen der Nazis sowie vor allem auch die Parteitagsfilme von Leni Riefenstahl in den dreißiger Jahren bewiesen, haben die Nationalsozialisten später tatsächlich Langs Ästhetik okkupiert und für ihre Zwecke missbraucht.
Manfred Etten schrieb 1992 zum 65. Jahrestag der „Metropolis“-Uraufführung im Magazin „film-dienst“, Langs ästhetisches Prinzip, die Struktur über das Individuum zu stellen, sei gerade der „innovative Schock“ des Films gewesen. Der Regisseur habe seinen Maschinenfilm zu einer Filmmaschine gemacht, durch die „,Form' und ,Inhalt', Aktion und Design sich zu einem einzigen großen Bilder- und Geschichtenapparat zusammenschließen.“
Zu dieser Einschätzung passt auch der enorme tricktechnische Aufwand, der für „Metropolis“ betrieben wurde: Einer nur wenige Sekunden lang dauernden Morgendämmerung lag eine zehnwöchige Einzelbild-Belichtung zugrunde, und auch die Szene mit den auf- und niedersteigenden Leuchtringen bei der Erschaffung der Maschinenfrau wurde mit bis zu dreißigfachen Mehrfachbelichtungen wochenlang geprobt und gefilmt. Zudem kam erstmals das „Schüfftan-Verfahren“ zum Einsatz, das es mit Hilfe einer speziellen Spiegeltechnik ermöglichte, Aufnahmen von Schauspielern mit Modellbauten und gemalten Hintergründen in einer gemeinsamen Szene zu kombinieren.



Alle diese Aspekte führten letztlich wahrscheinlich zusammen dazu, dass der Film eine stilbildende Funktion für die Nachwelt hatte und Generationen von Filmemachern bis heute noch „Metropolis“ in ihren Produktionen zitieren. Die monumentale Stadtarchitektur von Science-Fiction-Filmen wie zum Beispiel „Blade Runner“ (1982) und „Das fünfte Element“ (1997) ist genauso an „Metropolis“ angelehnt wie die Maschinenwesen C3PO aus den „Star Wars“-Filmen (ab 1977), „Terminator“ (1981) und „Robocop“ (1987) Abbilder von Hel sind. Die Figur Rotwang war nicht nur der Prototyp für alle nachfolgenden verrückten Wissenschaftler der Filmgeschichte, sondern inspirierte auch Robert Zemeckis und Steven Spielberg zu ihrem Zeitreise-Spezialisten Doc Brown aus der „Zurück in die Zukunft“-Reihe (ab 1985). Zahlreiche Musikvideoclips hantierten zudem mit Versatzstücken aus Langs Film – der bekannteste dürfte „Radio Ga Ga“ von „Queen“ (1984) sein, in dem viele Originalszenen integriert sind und sich die Rockband mit einem Flugauto durch „Metropolis“ bewegt. Und Giorgio Moroder brachte im gleichen Jahr sogar noch eine eigene Kinoversion mit eingefärbten Szenen und einem Popmusik-Soundtrack heraus.

 
 


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