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19. Januar 2012 Von Dirk Henninger

„Kriegerin“

Erschreckend aktuell: Drama über den Alltag eines ostdeutschen Neonazi-Mädchens

| Vergrößern | Sie sucht eine Freundin: Svenja (Jella Haase, links) lehnt sich bei Marisa (Alina Levshin) an. Foto: dpa-Film

Der Film kommt zum richtigen Zeitpunkt. Vor dem Hintergrund der kürzlich aufgedeckten Neonazi-Mordserie an türkisch- und griechischstämmigen Bürgern entfaltet das Debüt von David Falko Wnendt Aktualität. Das Drama zeigt den Alltag rechtsgesinnter Jugendlicher in Ostdeutschland.
Der in der DDR aufgewachsene Regisseur Thomas Heise hat mit seinen Filmen „Stau – Jetzt geht’s los“, „Neustadt“ und „Kinder. Wie die Zeit vergeht“ von 1992 bis 2007 dokumentiert, wie sich rechte Subkulturen nach der Wende etablieren konnten und warum sie speziell auf Jugendliche eine große Faszination ausüben. Nun gibt es quasi den Spielfilm dazu. Denn in Wnendts „Kriegerin“ verfangen sich die jungen Leute aus denselben Gründen in der rechten Szene: Die Zukunftsaussichten sind düster; es gibt so gut wie keine anderen Freizeitangebote; und die Konflikte mit der im Sozialismus aufgewachsenen Elterngeneration, mit der es kaum noch Gemeinsamkeiten gibt, führen zu rebellenhaftem Aufbegehren um der Provokation willen.
Dass das Nationale mit seiner Abgrenzung gegen alles Andere in diesem Zusammenhang ein ideales Auffangbecken bietet, ist wenig überraschend – zumal wenn Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch in gemäßigteren Bevölkerungsschichten zur gesellschaftlichen Normalität gehören. Dies ist eine der bitteren Erkenntnisse, die Wnendt nach eigener Aussage bei seinen Recherchen zum Film gewonnen hat. Hinzu kommt für viele Jugendliche noch ein gewisser „Kick“ durch gruppendynamische Machtrausch-Gefühle und aktive Gewaltausübung.
Genauso lernen wir auch die zwanzigjährige Protagonistin Marisa kennen (ein phänomenaler Auftritt: Alina Levshin), die mit dem rechten Mob herumzieht, Bahnreisende terrorisiert und die Liebhaberin eines Neonazi-Anführers (Gerdy Zint) ist. Schon äußerlich bekennt sie sich mit entsprechenden Tattoos und ihrer Frisur offensiv zur rechten Gesinnung, und als Supermarktkassiererin weigert sie sich, Asylbewerber zu bedienen. Das braune Gedankengut hat ihr der von der NS-Zeit schwärmende Großvater (Klaus Manchen) eingeimpft, an den sie nur positive Kindheitserinnerungen hat – im Gegensatz zu ihren Eltern. Als eines Tages zwei junge afghanische Flüchtlinge am Badestrand aufkreuzen und es zu einem Gerangel mit den Neonazis kommt, rammt Marisa die beiden samt Mofa mit ihrem Auto von der Straße und fährt seelenruhig weiter. Rasul (Sayed Ahmed Wasil Mrowat), der jüngere der Afghanen, taucht später aber bei ihr auf und fordert trotzig ihre Hilfe ein. Nach kurzer Zeit lässt sich Marisa schließlich darauf ein.
Die Wege von Marisa kreuzen sich irgendwann auch mit der 15 Jahre alten Svenja (Jella Haase), die von zu Hause ausgerissen ist, weil sie es unter der Fuchtel ihres sadistisch-autoritären Stiefvaters nicht mehr aushielt und sich in einen Jungen aus Marisas Clique verliebte. Während Svenja – die noch nicht einmal weiß, wie Adolf Hitler aussah – sich zu den Neonazis gesellt und von ihnen aufgenommen wird, geht Marisa plötzlich auf Konfrontationskurs: Als ihr Großvater stirbt, ihr Freund sich eine Pistole besorgt und Rasul von der Clique zusammengeschlagen wird, reicht es ihr. Sie beschließt, dem jungen Afghanen dabei zu helfen, zu seinen Verwandten nach Schweden zu kommen.
Man kann dem vom ZDF und der Babelsberger Filmhochschule koproduzierten Drama vorwerfen, dass es ein allzu moralinsaures Ende hat, sich nicht traut, eine durchgängig böse Protagonistin zu präsentieren und das Neonazi-Thema zu sehr in den neuen Bundesländern verortet. Es gilt aber zu bedenken, dass es dabei nicht um einen Dokumentarfilm geht und dass das Interesse der Filmemacher speziell auf ostdeutsche Neonazi-Mädchen gerichtet war. In dieser Hinsicht ist dem Regisseur sogar großer Respekt zu zollen, denn seine Hauptfigur ist das auf eine Person verdichtete Ergebnis stundenlanger Interviews mit zahlreichen jungen Frauen aus der rechtsextremen Szene. Nicht nur deswegen ist „Kriegerin“ – allen Einwendungen zum Trotz – ein schockierendes und aufrüttelndes Werk. Und auch der beste deutsche Spielfilm über Neonazis seit „Oi! Warning“ aus dem Jahr 1999.

Ab zwölf Jahren.

Mehr dazu auf www.kriegerin-film.de.

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