Man kann durchaus der Meinung sein, Joseph Goebbels sei ein Schmierenkomödiant gewesen. Aber wenn Moritz Bleibtreu im rheinischen Gießkannenton den Reichslautsprecher anschaltet, ist diese Karikatur des obersten Nazi-Propagandisten selbst der Schmierenkomödie dringend verdächtig. So einfach war das mit den Nazis: In Goebbels' großmäuliger Jovialität steckt eine Menge Gefährlichkeit, und dem Mann, der selbst Journalisten die Filmkritik in den Block diktiert, konnte man eben nicht widersprechen.Man könnte diese bescheidene Clownsnummer als Schwachstelle in einem ansonsten sehr professionell besetzten Film abtun, würde die Interpretation nicht die fragwürdige stilistische Haltung des ganzen Films charakterisieren. Dabei hat Oskar Roehler in »Jud Süß - Film ohne Gewissen« eine interessante Geschichte: An der Figur des Hauptdarstellers Ferdinand Marian erzählt er die Entstehung des übelsten Propagandafilms, mit dem die Nazis ihre Judenhetze unterstützten, widerlich besonders deswegen, weil er eine erhebliche künstlerische Raffinesse perfide in den Dienst der schlechten Sache stellte. Beim Festival in Venedig im Kriegsjahr 1940 war das reißerische Melodram um den Finanzguru, der im 18. Jahrhundert den wackeren württembergischen Herzog Karl Alexander unterstützt, bis er sein wahres Gesicht als sexgieriger Erpresser zeigt, ein mächtiger Erfolg, und es wird Michelangelo Antonioni ziemlich später peinlich gewesen sein, dass er als junger Filmkritiker das Werk Veit Harlans so enthusiastisch lobte. Harlan hat es später verstanden, alle Schuld von sich zu weisen, und sich auf die bequemere Rolle des Befehlsempfängers zurückgezogen. In Roehlers Film spielt Justus von Dohnányi den Regisseur geschmeidig als gewissenlosen Anpasser, und gerade diese dezente Darstellung verleiht der Deutung Glaubwürdigkeit.Meist aber regiert das Klischee. Roehler hat das satirisch zugespitzte Melodram im Sinn, aber seine Regie vergreift sich regelmäßig im Tonfall. Das mag auch am Drehbuch von Klaus Richter liegen, der um der Deutlichkeit willen der Lebensgeschichte Ferdinand Marians ein wenig nachgeholfen hat. Grundlage der Filmidee war die Marian-Biografie von Friedrich Knilli, der später auf Distanz zu dem Projekt ging und »Betroffenheitsklischees« monierte. Der Film dichtet dem Schauspieler eine jüdische Ehefrau an (Martina Gedeck) und einen jüdischen Freund (Heribert Sasse), der im Gartenhaus versteckt wird, was wiederum die erotisch von Marian enttäuschte Dienstmagd zur Petze bei ihrem HJ-Freund macht. Die junge Frau entwickelt sich zur erstklassigen Nazisse, später trifft man sie als keifende Nazi-Aufseherin wieder, die einer jüdischen Frau beim Abtransport ins Vernichtungslager den Mantel raubt.Nun ist ein Spielfilm ja keine Dokumentation, und als Roehler seinen Film im Frühjahr bei der Berlinale vorstellte, beteuerte er, dass er die Geschichte ja nur verdichtet und verdeutlicht habe. An Deutlichkeit mangelt es dem Film auch dann nicht, wenn er zeigt, wie »Jud Süß« ganz praktisch als Propagandawaffe eingesetzt wurde. Da sieht man eine Schar gerade mal halbwüchsiger Soldaten während des Polen-Einsatzes im Filmzelt. Sie sehen den Kintopp-Juden, lassen sich von den Sprechchören anstecken und ziehen dann zornig hinaus auf den Acker, auf dem gerade ein Vernichtungslager errichtet wird. In der freien Landschaft steht ein Wegweiser, damit auch der letzte Zuschauer erkennt: Noch drei Kilometer bis Auschwitz.An der moralischen Aufrichtigkeit ist also nicht zu zweifeln, aber die sehr schlichte ästhetische Formulierung dieser Botschaft hinterlässt einen klamottigen Eindruck. Dabei zeigt Tobias Moretti als Marian, was aus dem Film hätte werden können: ein öliger Strizzityp, ein verführter Verführer, der sich aus Eitelkeit mit den Mächtigen einlässt und doch kalte Füße bekommt, der um die Rolle des Charmeurs ringt und in grenzenloser Naivität glaubt, eine sympathische Darstellung des Juden könnte den Film retten. Diese schillernde Figur hätte auch in einer wirklichen Parabel über die Macht der bewegten Bilder, den Missbrauch der Kunst als Waffe und die Verführbarkeit der Künstler eine gute Figur machen können.Ab zwölf Jahren.
Mehr dazu unter www.jud-suess-film.de.
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