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10. März 2011  | Von Dirk Henninger

Tragische Figuren

 
| Vergrößern | Das Cover der Dokumentation über Terry Gilliams gescheitertes „Don Quichote“-Filmprojekt. Foto: KSM

Ex-Monty-Python Terry Gilliam haftet der Ruf eines Desaster-Regisseurs an. Seit „Brazil“ (1984), der in einer von Gilliam nicht autorisierten Fassung in den Kinos lief, weil die Produzenten andere Vorstellungen vom Endprodukt hatten, gelten die Projekte des US-Amerikaners mit britischer Staatsangehörigkeit als heiße Eisen. Auch sein jüngster Film „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ ist wegen des überraschenden Todes des Hauptdarstellers Heath Ledger beinahe nicht zustandegekommen und konnte nur vollendet werden, weil Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law gemeinsam die fehlenden Parts übernahmen.
Gilliams Supergau war im Jahr 2000 allerdings das Projekt „The Man Who Killed Don Quixote“, dessen Dreharbeiten (unter anderem mit Johnny Depp) aufgrund eines Unwetters und eines krankheitsbedingten Ausfalls des betagten Hauptdarstellers Jean Rochefort abgebrochen werden mussten – was dem Film das Genick brach. Die beiden jungen Regisseure Keith Fulton und Louis Pepe, die eigentlich für die Making-Of-Reportage angeheuert wurden, machten aus ihrem Material 2002 die Dokumentation „Lost in La Mancha“ (KSM).
Es ist das erschütternde Zeugnis eines Scheiterns auf ganzer Linie. Und das Drama eines unfreiwillig von widrigen Umständen gebeutelten Künstlers. Dabei drängen sich ironischerweise natürlich schnell Parallelen zur Don-Quichote-Figur auf, dem „Ritter von der traurigen Gestalt“, der erfolglos gegen Windmühlen ankämpft. Dennoch dominiert bei Gilliam eher der Galgenhumor, und vielleicht hat ihm das auch dabei geholfen, dass der Film nun schließlich doch noch realisiert werden soll – allerdings mit Robert Duvall und Ewan McGregor.
So lobenswert es ist, dass „Lost in La Mancha“ nun auch endlich in Deutschland erhältlich ist, so ärgerlich ist das äußerst spärliche Bonusmaterial dieser Edition. Die bereits 2003 erschienenen britischen und französischen DVD-Ausgaben enthalten unter anderem noch alternative Anfänge, nicht verwendete Szenen, Interviews, Storyboards und Konzeptzeichnungen beziehungsweise sogar einen 97 Minuten langen Extra-Film über das Projekt sowie ein knapp sechzigminütiges Gilliam-Porträt.

 

Dass die Werke von Roman Polanski desaströs sind, kann man weniger behaupten. Für „Der Pianist“ (2002) erhielt der polnische Regisseur unter anderem sogar den Oscar sowie die Goldene Palme von Cannes, und sein aktuellstes Werk „Der Ghostwriter“ wurde kürzlich erst mit europäischen Filmpreisen geradezu überschüttet.
Dennoch ist der 1933 in Paris geborene Künstler eine tragische Figur, denn er verbrachte Teile seiner Kindheit im Warschauer Ghetto, wo er 1943 nur knapp den Nazis entkam, während seine Mutter deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. 1969 wurde seine zweite Ehefrau, die Schauspielerin Sharon Tate, im hochschwangeren Zustand von wahnsinnigen Sektenmitgliedern in den USA getötet, und 1977 stand Polanski wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen und fünf weiteren Anklagepunkten in Los Angeles vor Gericht. Seitdem kann er nicht mehr zurück in die USA, wo ihm eine Haftstrafe droht. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde er deswegen in der Schweiz von den Behörden wochenlang festgehalten.

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Das Cover der Dokumentation über Roman Polanskis US-Prozess. Foto: Kinowelt
Der 2008 entstandene Film „Roman Polanski: Wanted and Desired“ (Kinowelt) von Marina Zenovich dokumentiert den Vergewaltigungsfall von 1977 und den Verlauf des Prozesses. Weil die Regisseurin die Vorkommnisse mit Ausschnitten aus Polanskis Spielfilmen treffend kommentiert und ansonsten mit einer Fülle von zeitgenössischen Originalaufnahmen aufwartet, nimmt die Chronologie der Ereignisse zuweilen thrillerhafte Formen an. Ein präzises Psychogramm des mehr an seiner medialen Darstellung als an der Wahrheitsfindung orientierten zuständigen Richters sorgt zudem für überraschende Wendungen, bei denen ein Oktoberfestbesuch in München eine entscheidende Rolle spielt. Aus all dem extrahiert Zenovich letztlich sogar eine Verschwörungstheorie, die nahelegt, dass Polanski einer unheilvollen Mischung aus Rassismus, Neid und Prüderie zum Opfer fiel.
Dabei geht es allerdings nie darum, den Angeklagten von seiner Schuld freizusprechen, die er damals im Übrigen selbst eingestand und daraufhin sogar bereits einen Gefängnisaufenthalt verbüßte. Ziel ist stattdessen die Offenlegung eines absurden juristischen Spiels, das Polanski am Ende gar keine andere Wahl ließ, als das Land zu verlassen.
Die spannende Dokumentation ist als Einzel-DVD erhältlich, gehört aber auch zum Bonusmaterial der „Special Edition“ von „Der Ghostwriter“ – was durchaus Sinn macht, weil der Spielfilm einige Parallelen zu Polanskis aktueller Situation aufweist.

 
 
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